Fotos: Priska Ketterer

 

räsonanz Luzern - Der Konzertabend

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Alles Sterbliche ist wie das Gras,
und all seine Schönheit

ist wie die Blume auf dem Feld.

Jesaja 40, 6

Beim räsonanz – Stifterkonzert in Luzern kommen die Requiem-Strophen von Wolfgang Rihm, Ernst von Siemens Musikpreisträger und derzeit Kurator der EvS Musikstiftung, bereits zu ihrer dritten Aufführung. Damit ist das Konzert eine Station auf dem Weg zu einem Ziel der räsonanz – Initiative: Die Aufnahme großer zeitgenössischer Orchesterwerke ins ständige Programm. Dass es ins Repertoire vieler Orchester aufgenommen wird, kann man diesem monumentalen und vom Publikum der Uraufführung in München begeistert aufgenommenen Werk nur wünschen. Auch in Luzern begeisterte Rihms Werk, und ebenso seine Interpreten: die Sopranistinnen Anna Prohaska, Mojca Erdmann und Hanno Müller-Brachmann, Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, alle unter der Leitung von Mariss Jansons.

Thematisch war das Oster-Festival des Lucerne Festival der ideale Ort für die Requiem-Strophen: Eingewoben zwischen die Texte der Liturgie der Totenmesse erklangen Dichtungen – Rilke, Bobrowski, Michelangelo, biblische Dichtung und als titelgebender Schlussstein Hans Sahls Strophen. Die Dichtung wirft das Licht nicht nur auf den Tod, sondern auf den Tod im Leben – die Verbindung von Leben und Tod. Unweigerlich ist sie, diese Verbindung.

Des Todes sicher, nicht der Stunde, wann.


Michelangelo Buonarroti, übertragen von Rainer Maria Rilke

Wie beeinflusst die Sicherheit des Todes das Leben – das künstlerische Schaffen im Leben? Welche Sonne bringt die Frucht aus Bobrowskis Zeilen zum Reifen?

Über dir

in der Tage Gezweig hängt er.

Er hüllt sich mit Duft und mit Säften.
Du wirst ihm nicht wehren.

Einmal, als eine Frucht,
reif,

wird er dich nähren.

Johannes Bobrowski, Der Tod

Vielmehr als eine Totenmesse sind Rihms Requiem-Strophen Vertonungen der Fragen, die der Tod im Leben aufwirft. Vielleicht muss der Chor des Bayerischen Rundfunks auch deshalb die wenigen der Liturgie der Totenmesse entnommenen Texte häufig mit deutlichen Pausen zwischen den Silben singen; Zeilen wie „Lux perpetua luceat eis“ und „Lacrimosa dies illa
qua resurget ex favilla“ werden in ihre Einzelteile zerlegt. Ganz anders die verschiedenen Vertonungen der Rilke-Zeilen: Alle erinnern an Choräle und sind dabei fast spielerisch tanzend. Der „lachende Mund“ ist deutlich zu hören, aber auch ein weinendes Lamento klingt an.

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.


Rainer Maria Rilke, Schlussstück aus
Das Buch der Bilder

Ähnlich vertont Wolfgang Rihm auch Strophen von Hans Sahl: Nach einem Viola-Duett singt der Chor einen Choral, der sich in einem stetigen Werden und Vergehen befindet. Melodien fließen zu Harmonien, die jedoch nie stehen bleiben und sich fortlaufend verschieben, immer zu sich öffnenden Zusammenklängen.

Ich gehe langsam aus der Welt heraus

in eine Landschaft jenseits aller Ferne,

und was ich war und bin und was ich bleibe,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile

in ein bisher noch nicht betretenes Land.

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus

in eine Zukunft jenseits aller Sterne,

und was ich war und bin und immer bleiben werde,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,

als wär ich nie gewesen oder kaum.

Hans Sahl, Strophen

Doch Wolfgang Rihm lässt die Requiem-Strophen nicht mit dem Wort „kaum“ enden, der Chor schließt mit „oder“ – die Fragen nach Leben und Tod, in nuce.