Pierre Boulez

 Pierre Boulez (1925–2016), geboren in Montbrison (Loire), war Komponist, Dirigent, Musikschriftsteller und eine Schlüsselfigur des internationalen Musiklebens.

Boulez, Luigi Nono und Stockhausen; 1957, Donaueschingen.

Boulez war ein lebender Klassiker, dessen Werke seit über fünfzig Jahren Orientierungspunkt für Komponisten in aller Welt sind. Die einen studieren seine Partituren, um zu schauen, was sie aus ihnen lernen und in ihrem eigenen Werk verwenden können, die anderen lehnen die Boulez’sche Welt ab und arbeiten weiterhin an ihrer Sprache, die eine andere Richtung, eine andere Denkweise über neue Musik vertritt. Aber in beiden Fällen ist Boulez’ Oeuvre eine wichtige Säule, sichtbar für jeden, der sich in irgend­einer Form mit der zeitgenössischen Musik auseinandersetzt.

Am Anfang seiner Karriere, beginnend mit den späten Vierzigern, war Boulez ein Rebell, der keinen Hehl daraus machte, mit der Musiktradition der ersten Jahrhunderthälfte nichts mehr zu tun haben zu wollen. Er lehnte Erneuerer wie Arnold Schönberg ab (siehe seinen Nachruf Schönberg est mort), weil er auch bei dem Erfinder der Zwölftonmusik eine Nähe zu den Vorfahren wie Brahms ortete. Einzig an Webern konnte er anknüpfen (wie viele seiner Kollegen unter den Dozenten bei den Ferienkursen in Darmstadt).

Bald fing Boulez an, sich auch als Dirigent zu betätigen. Er programmierte neue Ensemblewerke mit dem von ihm ins Leben gerufenen Ensemble Domaine musical, und später in Baden-Baden. Zunächst beschränkte er sein Repertoire auf die neue Musik, um sicher zu stellen, dass seine eigenen Kompositionen sowie die der anderen zeitgenössischen Komponisten authentisch erklangen, später, mit der zunehmenden internationalen Akzeptanz seines Kampfes für die neue Musik (dessen wichtige Stationen waren seine Rückkehr nach Frankreich, wo er mit der Unterstützung des Präsidenten Pompidou IRCAM und das Ensemble Intercontemporain gründete) war die rebellische Haltung nicht mehr notwendig. Er hat sein Repertoire in einem früher unvorstellbaren Maße erweitert und dirigiert etwa Mahler und Bruckner mit den ihn begeistert willkommen heißenden Spitzenorchestern der Welt, darunter die Wiener und die Berliner Philharmoniker. Auch hat Boulez mit der durch Patrice Chéreau inszenierten Oper Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus Interpretationsgeschichte geschrieben.

Boulez war ein bedeutender Lehrer. Vor allem in seinen letzten Lebensjahren, als Leiter der Orchester­akademie beim Lucerne Festival, teilte er sein einmaliges Wissen mit jungen, aufstrebenden Dirigenten.

Immer wieder verließen neue Kompo­sitionen seine Werkstatt, die sofort von Ensembles und Orchestern aufgenom­men – besser: aufgeschnappt – wurden. Bald shon wurden sie ein Teil des internationalen Repertoires. Ein lebender Klassiker eben.

1925Geboren am 26. März in Montbrison (Loire); Erster Klavier­unterricht; Gymnasium in Montbrison, später Saint Étienne
1941Besuch der Klasse für Mathématiques spéciales in Lyon zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung für die École Polytechnique
1942endgültige Entscheidung für den Musikerberuf; Übersiedlung nach Paris
1944Harmonielehre bei Olivier Messiaen am Pariser Conservatoire
1945Kontrapunkt bei Andrée Vaurabourg-Honegger; Komposition bei Messiaen; Zwölftontechnik bei René Leibowitz
1946–1955Leiter der Bühnenmusik bei der Compagnie Renaud/Barrault
Ab 1950Aufführungen seiner Werke in Paris und Donaueschingen
1954Gründung der Concerts du Petit-Marigny unter der Patronanz der Compagnie Renaud/Barrault, 1955 umbenannt in Domaine Musical
1955–1960Analysekurse bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt
1955Uraufführung von Le Marteau sans Maître unter Hans Rosbaud in Baden-Baden
1957spielt Boulez seine Troisième Sonate für Klavier in Darmstadt
1958Uraufführung der zwei Improvisations sur Mallarmé in Hamburg, die zusammen mit Improvisation III, Tombeau und Don das 1962 fertiggestellte Orchesterwerk Pli selon pli – Portrait de Mallarmé bilden
Ab 1960Analyse- und Kompositionskurse in Basel
1963Gastprofessur an der Harvard University; rege Dirigiertätigkeit
1966erstmals als Dirigent in Bayreuth mit Parsifal, danach Tristan und Isolde in Japan
1967–1972regelmäßige Konzerte mit dem Cleveland Orchestra; Boulez übergibt die Domaine Musical an Gilbert Amy
1969–1975Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra
1970–1977Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker; Planung und Aufbau des IRCAM in Paris
1976Gründung des Ensemble InterContemporain; „Jahrhundert-Ring“ in Bayreuth mit Patrice Chéreau (bis 1980)
1977Eröffnung des IRCAM, dessen Leitung er bis 1991 innehatte
1979Uraufführung der von Friedrich Cerha ergänzten Lulu von Alban Berg an der Pariser Oper; Ernst von Siemens-Musikpreis
1980Großer französischer Staatspreis
1989Goldene Ehrennadel der Stadt Wien
1991Ehrendoktorat der Universität Frankfurt
1992Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt
1996Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien
1997Uraufführung von Anthèmes 2 in Donaueschingen
1998Ehrendoktorat des Connecticut College; Uraufführung von sur Incises in Edinburgh
1999Uraufführung von Notations VII in Chicago
2000zahlreiche Konzerte weltweit zu Ehren seines 75. Geburtstages (London, New York, Paris, Wien); Grammy Award für Répons (Kategorie "Classical Contemporary Composition"); Israelischer Wolf-Preis für Kunst
2001Wilhelm-Pitz-Preis der Stadt Bayreuth
2002Composer-in-residence beim Lucerne Festival; Uraufführung von Dérive 2 mit dem Ensemble Intercontemporain am 14. September in Luzern
2004Künstlerischer Leiter der Lucerne Festival Academy (bis 2007)
2009Kyoto Prize für sein künstlerisches Lebenswerk
2011Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik
2012Goldener Löwe für das Lebenswerk der Biennale di Venezia
2013Frontiers of Knowledge Award von der BBVA in der Kategorie "Zeitgenössische Musik" erhält den Cleveland Orchestra Distinguished Service Award
2015erhählt die Ehrenbürgerwürde von Baden-Baden; erhält einen Grammy Lifetime Achievement Award erhält den Hamburger Bach-Preis 2015
2016Pierre Boulez stirbt am 5. Januar in Baden-Baden
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