Förderpreis Komposition 2026

Hovik Sardaryan

Essay

von Habakuk Traber

Kunst spricht an, und sie stellt Ansprüche. Daran lässt Hovik Sardaryan mit Werken von radikaler Individualität keinen Zweifel. 32 Jahre jung, ist er seit 16 Jahren als Komponist aktiv. Einen weiten Weg legte er in dieser Zeit zurück, einen Weg ohne Brüche, mit offenem Horizont. Erste Stücke schrieb er in Armenien, wo er 1993 geboren wurde, aufwuchs und am hauptstädtischen Konservatorium 2014 den Bachelorgrad erwarb. Was er damals komponierte, ist auf armenische Traditionen bezogen und an Erfahrungen mit zentraleuropäischer Musik seit der Renaissance geschult, auf deren Werkekanon seine professionelle Ausbildung fußte. Charakteristika armenischer Monodie schmolz er ins Genre des Klavierlieds ein; Instrumenten westlicher Herkunft entlockte er zusätzlich Anklänge an traditionelles armenisches Instrumentarium; die Begegnung des Verschiedenen öffnet ihm neue Perspektiven. Eine Besonderheit bilden Acht Ornamente von 2013. Während er seine Werke meist in weit schwingenden Zeitbögen anlegt, hielt er diese Stücke kurz und knapp. Verdichten ist hier als Komplement zum Entfalten musikalischer Gedanken verwirklicht, die Dialektik zwischen beiden, die Urfrage abendländischen Komponierens der Neuzeit, spielt auch für seine Werke eine zentrale Rolle. Es sind oft kleine, mikrotonale Differenzen, aus denen sie hervorwachsen.

Seit 2015 lebt Hovik Sardaryan in Deutschland; ein DAAD-Stipendium ermöglichte ihm ein Studium bei  Wolfgang Rihm in Karlsruhe. Die beiden Künstler hatten eines gemeinsam: Sie schöpften aus einem Bildungsreservoir, das sich über die Musik hinaus in andere Künste und Geistesdisziplinen erstreckt. Die Anregungen, die sie daraus empfangen, schmelzen sich in ihr Denken ein, dessen höchste Äußerung die Musik ist. Sardaryan komponierte diese kommunikative Aneignung und Verwandlung u.a. in Simulacres aus. Darin ruft er traditionelles Melos, avantgardistische Gestik, historische Stücke und Verfahren auf, um an der Imago neue Ansichten des (virtuellen) Originals zum Vorschein zu bringen. In der Studienzeit bei Rihm komponierte er das Streichquartett uprooting, graft in, branch out, ein Schlüsselstück nicht nur für seine weitere Entwicklung, sondern auch für seine Überzeugung vom existenziellen Gehalt der Kunst:

„‚Entwurzeln‘ bedeutet für mich, Ideen und Gedanken (musikalisch: Motive, Gestalten, Figuren) aus ihrem Kontext herauszulösen, um sie genauer zu betrachten. ‚Pfropfen‘ heißt, etwas daran zu verändern – manchmal nur minimal, aber mit potenziell großer Wirkung. Und ‚Verzweigen‘ verweist auf ein neues bzw. weiteres Leben, das wiederum neue Kontexte und neue Werte schafft.“ (Hovik Sardaryan)

Rihm erteilte keine konkreten Ratschläge, sondern regte ihn – wie in seinen letzten Studienjahren auch Arnulf Herrmann – zu eigenen Lösungen an; beide stärkten die neben dem Selbstbewusstsein wichtigste Instanz: die kritisch-sensible Selbstsicht. Wozu sich Exponenten der Moderne wie Olivier Messiaen und György Ligeti erst durcharbeiten mussten, dass nämlich Fragestellungen ihrer Ästhetik in rand- und außereuropäischen Kulturen Antworten fanden, diese Erkenntnis ist Sardaryan biografisch mitgegeben. Erfahrungen, die er im Weiterdenken armenischer Traditionen sammelte, koinzidieren mit Tendenzen westlicher Neuer Musik. Das Operieren mit Skalen, die sich nicht nach einer Oktav wiederholen, zieht sich ebenso wie die Verwendung von Mikrointervallen seit dem frühen 20. Jahrhundert durch Theorie und Praxis neuer Musik. Die Verräumlichung eines Melos durch zeitversetzte Multiplikation findet Parallelen in liveelektronischen Arrangements (auf deren Erfahrungen Sardaryan in Agni rekurriert). Das Ineinanderwirken von Horizontaler (Melos, Zeit), Vertikaler (Harmonik) und Tiefenwirkung in einem fluiden Raum ist eine Fähigkeit, die der modernen Musik im Austausch mit den Wissenschaften zuwuchs.

Sardaryan komponiert seine Werke aus mehreren Linien von eigener Gestalt und eigenem Puls. Die „Polymonodie“ ermöglicht ihm alles von der Mono- über die Hetero- bis zur Polyphonie in gleitenden Übergängen. Linien können aus Klängen hervorgehen, in sie münden oder sich aus ihrer Folge bilden, sie können sich im Lauf eines Stücks verändern oder in ihrer Gestalt verharren. Selbst ihre strenge Repetition erzeugt bei inkommensurabler Länge und möglichen Zeitverschiebungen keine Wiederholung im Gesamtprozess. Die so entstehende Harmonik lässt sich durch keine Akkordlehre rastern, sondern bildet einen Klangfluss, in dem Horizontale und Vertikale, Zeit und Raum auf je besondere Weise ineinanderwirken.

Die so entstehende Harmonik lässt sich durch keine Akkordlehre rastern, sondern bildet einen Klangfluss, in dem Horizontale und Vertikale, Zeit und Raum auf je besondere Weise ineinanderwirken.

Im klanglichen Ergebnis lassen sich einzelne Linienverläufe oft schwer verfolgen, besonders dann, wenn es sich wie bei quellen aus dem Jahr 2023 um den homogenen Klang gleicher Instrumente – hier um zwei Klaviere – handelt. Im mittleren Satz von Agni, ebenfalls 2023 komponiert, beginnen acht Linien wie aus dem Nichts, bauen sich zu einer bewegten Schichtung auf, schwellen individuell an und ab und erzeugen so den Eindruck eines atmenden Raumes, aus dem Melodiefragmente hervortreten. In all seinen Metamorphosen erscheint er gleichwohl als Einheit: wie ein Monolith mit gefurchter Form und auffälligen Maserungen. Die Polymonodie umfasst von schütterem Pointillismus bis zur tsunamiartigen Klangwoge alle nur denkbaren Raumsuggestionen. Zu ihnen gehört wesentlich die historische Tiefenschärfe, die sich nicht in direkten Anklängen erschöpft, sondern in vielfältigen Echos, Spiegelungen und Strukturen wirksam wird.

Jüngere Werke, die Sardaryan für große Besetzung konzipieren konnte, geben Beispiele für die Transformationen, die von der Inspiration zur Werkgestalt führen. Ikone, ein 18-minütiges Orchesterstück, ist durch kunsttheoretische Schriften von Pawel Florenski (1882–1937) und ihre Wirkungen auf die sowjetische Maleravantgarde, insbesondere Kasimir Malewitsch und Wladimir Sterligow, angeregt. Sterligows Vorstellung vom kuppelartig-schalenförmigen Raum, in dem sich Kunst ereignet, und von ihren sphärischen Gestalten wird durch Sardaryans Komposition musikalisch erfüllt.

Deren Struktur aus zwei mehrfach ineinanderfließenden Abschnitten , die sich als Liniengeflecht mit Klangimpulsen bewegen, mag an Florenskis „umgekehrte Perspektive“ erinnern, die er in Ikonen verwirklicht fand: Sie verjüngt sich nicht vom Betrachter hin zu einem virtuellen Fluchtpunkt in der Ferne, sondern umgekehrt aus der Ferne auf den Betrachter zu. Nicht dessen Ich steht im Zentrum, sondern die Transzendenz; Ikonen verbinden beide als Portal. Obwohl es unablässig pulsiert, erscheint das Stück nahezu statisch – so, als bewege sich nicht die Musik, sondern unsere Wahrnehmung, die immer nur einen Ausschnitt erfasst: auch das ein Spiel mit der „umgekehrten Perspektive“.

Auslösende Idee in Agni ist die Flamme in ihrer physischen, symbolischen und erotischen Dimension. Sie ändert sich stets und bleibt sich doch gleich. Sie verharrt an einem Ort und bewegt sich doch flussähnlich nach oben. Sinnbildlich für solch paradoxe Einheit beruhen die Außensätze auf gleichem Material, sind hörbar aufeinander bezogen und fallen doch ganz verschieden aus. Die Dialektik von Ordnung und Chaos trägt Sardaryan auch in seinem neuesten Werk …and the Sun was Green…s. Dessen zweiter Satz, Reigen, teilt mit dem vierten, Wildwuchs, das Material, nicht den Charakter. Sie bilden in der fünfsätzigen Komposition cht den Rahmen, sondern Komplementärstücke zu den anderen. Das eröffnende Gloria ist bei aller Mikrotonalität und allen Interventionen der Impulsinstrumente vom Gestus des Singens her komponiert, Widerschein klassischer Vokalpolyphonie. Der dritte Satz – Schmelzende Zeit – zerfließt aus einem gewaltigen Klang in pulsierende Bewegung. Das Pax-Finale erinnert an die Polyphonie des Anfangs, ehe es sich ausläutet und verklingt. Den Titel entnahm der Komponist einem archaischen armenischen Hochzeitslied; die „grüne Sonne“ erscheint auch im ägyptischen Osiris-Mythos als Symbol der Liebe, die – irdisch und kosmisch, körperlich und entrückend – Augenblick und Ewigkeit, Freude und tiefe Innigkeit vereint.

Hovik Sadaryan hat wesentliche Desiderate der (Post-)Moderne aufgenommen, weitergedacht und überwunden. Schönberg beschrieb den musikalischen als einen schwerelosen Raum, dessen Inhalte – Töne, Klänge, Figuren – vielfältig aufeinander reagieren. Für Alfred Schnittke brachte jedes Werk einen kleinen Ausschnitt aus dem unendlichen Kosmos musikalischer Möglichkeiten zum Vorschein; in seiner Polystilistik wurde das Bewusstsein von der Präsenz der Geschichte konkret. Sardaryan schafft mit seiner Polymonodie einen atmenden, multiperspektivischen Raum, der auch die Geschichte umgreift. In der Kunst erkennt er eine Wirkungsform des Transzendenten, Überschreitenden. Dazu aber muss sie kompromisslos bleiben, nicht nur ansprechen, sondern auch Ansprüche stellen.