Ernst von Siemens Musikpreis 2026
Jordi Savall
Interview
Musik kann keinen Krieg beenden, sie kann aber Frieden in unseren Herzen stiften.
Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben, sich für die Alte Musik zu entscheiden? Gab es ein besonderes Erlebnis, das zu dieser Entscheidung geführt hat?
Es ist ein großer Zufall, dass ich zur Alten Musik gekommen bin. Ich habe mich entschieden, Cello zu spielen. Ich war in einem Musikalienhandel in Barcelona und habe alles gekauft, was ich für das Cello finden konnte. Der Verlag Schott hatte Werke für das Cello in einer Sammlung zusammengefasst. Und in dieser Sammlung gab es Musik von Bach – die Gambensonaten –, von Marin Marais Les folies d’Espagne, Diego Ortiz und vieles mehr. Viel Musik, die im Original für Gambe geschrieben wurde. Ich habe diese Musik studiert und mich sehr darüber gefreut. Später habe ich das normale Studium gemacht, also Beethoven, Schumann, etc. etc. und am Ende meines Studiums habe ich einen Kurs belegt, wo ich Alte Musik, Kammermusik, gemacht habe. Der Cembalist, mein Professor Rafael Puyana meinte: „Jordi, Du spielst so viel Musik für die Gambe. Warum spielst Du nicht die Viola da Gamba?“ Da habe ich mir notiert: Viola da Gamba suchen.
Nach meiner Rückkehr nach Barcelona sollte ich jemanden zurückrufen. Ich tat es: „Ich bin Jordi Savall.“ „Ah, Senior Savall: Wollen Sie nicht die Viola da Gamba spielen?“ Ich wurde eingeladen, bei einem Projekt mit einer ganz berühmten Sängerin damals – Victoria de los Ángeles – dabei zu sein und eine Platte für die EMI in England aufzunehmen. Und dafür brauchten sie einen professionellen Gambenspieler. Und sie wussten – durch eine Empfehlung –, dass ich sehr gut die Suiten von Bach spiele, und dachten, dass ich vielleicht interessiert wäre, die Viola da Gamba zu spielen. Dann habe ich eine Viola da Gamba gehabt und mich total in die Alte Musik verliebt. Aber die endgültige Entscheidung kam als ich in der Bibliotèque nationale de Paris war. Dort habe ich zum ersten Mal auf einem großen Tisch vier Tage lang fünf Bücher von Marin Marais studiert mit wunderbarer Musik. Viel Musik, wunderbare Musik. Und dann habe ich realisiert, dass all diese Musik überhaupt nicht gespielt wird. Da habe ich entschieden, mich auf die Viola da Gamba zu konzentrieren und das Cello beiseitezulassen.
Sie begeistern sehr viele Menschen für die Alte Musik. Was kann uns die Alte Musik heute noch sagen?
Die Alte Musik fasziniert heute sehr viele Menschen. Diese Musik ermöglicht uns, andere Epochen zu verstehen, in dem Sinne, was andere Epochen dargestellt haben als Emotionen, als kultische Idee, als Art zu Leben. Elias Canetti sagte: „Die Musik ist die wahre Geschichte der Menschlichkeit“. Wenn man eine Melodie von Bach singt, ist man in der Zeit von Bach, wenn man ein Troubadour-Lied singt, ist man in der Zeit der Troubadours. Und man fühlt die gleichen Emotionen wie damals, wenn der Sänger gut ist [lacht]. Die Musik ist eigentlich eine Zeitmaschine. Man kann mit der Musik in jede Epoche, in jedes Land, in jede Stadt reisen. Das ist heute eine wunderbare Art, sich von anderen Epochen begeistern zu lassen, die heute eigentlich total veraltet sind. Heute leben wir in einer Welt, die so weit entfernt ist von der Zeit eines Lorenzo da Medici, Louis XIV oder der Zeit von Bach und damit ist es auch die Musik. In unserer total verrückten Welt ist es sehr selten und schwierig diese Ruhe zu finden, die man braucht, um diese Musik zu hören.
Welche Bedeutung hat für Sie die zeitgenössische Musik? Sehen Sie Verbindungen zur Alten Musik?
Die Verbindung von moderner Musik und Alter Musik bzw. der Musik anderer Epochen, hängt oft von der Art des Komponierens des Komponisten oder der Komponistin ab. Sie ist sehr oft eine Frage des Geschmacks und des künstlerischen Interesses. Die Komponisten haben eine neue Sprache erfunden, die nicht mehr in Zusammenhang mit der Alten Musik steht. So am Beginn des Dodekaphonismus, der Zwölftonmusik. Da gibt es einen Bruch. Man hat keine Verbindung mehr zur Volksmusik oder es gibt auch keine Melodien mit sich wiederholenden Tönen. Daher ist eine neue Sprache entstanden. Aber die Sprache von vielen Komponistinnen und Komponisten, ich denke zum Beispiel an Arvo Pärt, ist eine andere. Arvo Pärt hat nach zehn Jahren Pause eine neue Sprache gefunden. Er hat eine Art zu komponieren, die sehr nah an der Alten Musik ist.
Man darf nicht vergessen, dass die heutige musikalische Sprache in Europa im
13. Jahrhundert entstanden ist, die Ars Nova. In der Ars Nova wird eine Melodie mit anderen Melodien zusammengebracht. Und das ist die Entstehung unserer musikalischen Sprache in Europa. Diese Kunstform ist von jungen Nonnen in Klöstern in Huelgas, Notre-Dame de Paris und anderen Orten erfunden worden. Es ist eine Sprache entstanden, die alle Europäer bis heute verstehen. Und diese Sprache ist bis heute universell. Aber in der Zeit von Alban Berg und der Zweiten Wiener Schule haben sich Komponisten eine neue Sprache ausgedacht. Es wurde eine Sprache entwickelt, die nicht an eine Nation gebunden war, sondern eine Sprache, die frei war. In der gleichen Zeit wurde Esperanto erfunden. Das ist auch eine Sprache, die nicht Deutsch, nicht Französisch, nicht Italienisch ist, sondern eine Mischung aus allen Sprachen. Mit Esperanto hat es nicht funktioniert, weil kein Schriftsteller etwas Fantastisches geschrieben hat. Man hat es aufgegeben. Aber in der Musik gab es ganz wunderbare Komponisten, sodass es eine Weiterentwicklung gab. Darum denke ich, dass die Verbindung von Alter und moderner Musik eine Frage des Geschmacks des jeweiligen Komponisten ist. Es gibt Komponisten, die verwenden gern alte Motive und alte Ideen und kreieren damit eine wunderbare Mischung.
Das Programm der Preisverleihung in München steht unter dem Titel Pro Pacem. Kann aus Ihrer Sicht Musik eine friedensstiftende Funktion haben?
Ich habe gedacht, dass wir bei der Preisverleihung Stücke spielen, die uns mit der Idee von Frieden verbinden. Eine Idee von Musik generell ist, dass sie uns ruhig und friedlich macht. Musik kann keinen Krieg beenden, sie kann aber Frieden in unseren Herzen stiften. Musik ist die einzige Sprache, die direkt die Herzen anspricht. Ohne sie wäre das Leben unmöglich. Ohne Musik könnte man nicht überleben. Wenn ich die alten Melodien aus Armenien höre, diese so zarten und expressiven Melodien, gespielt auf dem Duduk. So schöne Melodien kommen aus einem Land, einer Kultur, die so zerstörerische Situationen erlebt hat, und werden tradiert von einer Gesellschaft, die so viele Schwierigkeiten hatte, zu überleben.
Ich bin überzeugt, dass alle Gesellschaften, die ums Überleben kämpfen müssen, Musik brauchen, um die Hoffnung zu behalten. Denken Sie an die sephardische Musik. Die spanischen Juden, die um 1494 vertrieben wurden. Sie haben 500 Jahre lang ihre Lieder gesungen. Jeden Tag. Weil, wenn sie die Lieder in der Familie gesungen haben, haben sie Frieden und Hoffnung in ihren Herzen gehabt. Das gleiche gilt für die schottischen Auswanderer in New York, die sich nach der harten Arbeit im Hafen in einem Pub getroffen haben und gemeinsam ein Bier getrunken und dazu mit der Geige gespielt und ihre Melodien gesungen haben. Dank dieser Musik konnten sie weiterleben. Ohne die Musik wäre es nicht möglich gewesen. Musik kann keinen Krieg beenden, aber sie kann uns helfen, sensibler zu sein, mehr Empathie zu haben für Menschen, die Opfer von Kriegen sind.
Ich bin davon überzeugt, dass es, solange es Menschen gibt, die einen solchen Preis stiften, Hoffnung auf eine bessere Welt gibt.
Sie haben schon viele Auszeichnungen und Ehrungen in Ihrem Leben erhalten. Was bedeutet Ihnen der Ernst von Siemens Musikpreis?
Es stimmt, dass ich in meinem langen Leben schon viele Preise bekommen habe. Von Universitäten, von verschiedenen Institutionen in Frankreich, England, Italien. Und trotzdem ist es eine große Freude, den Ernst von Siemens Musikpreis zu erhalten, weil dieser Preis ganz besonders für die Musik und für ein hohes Maß an Qualität steht. Ich denke, dass dieser Preis für mich eine Anerkennung meiner jahrelangen Arbeit ist. Viele Jahre, in denen ich Alte Musik neu entdeckt habe, viele Jahre, in denen ich neue Ensembles gegründet habe und auch viele Jahre der Pädagogik, der Vermittlung. Jahre, in denen ich versucht habe, dass die Musik eine Sprache wird, die hilft, bessere Menschen zu werden. Es freut mich sehr, dass eine Institution wie die Ernst von Siemens Musikstiftung diese ganzen Elemente anerkennt. Und es ist heute sehr wichtig, diejenigen Menschen zu unterstützen, die das Leben besser machen, dadurch, dass sie unterrichten und junge Menschen an die Musik heranführen. Ich bin davon überzeugt, dass es, solange es Menschen gibt, die einen solchen Preis stiften, Hoffnung auf eine bessere Welt gibt.
Das Interview wurde am 2. Dezember 2025 in Berlin geführt.