räsonanz – Luzern 2019
Hans Abrahamsen
In Hans Abrahamsens Musik schwingt westliche Musiktradition in all ihren Facetten mit, mit den uralten Volksweisen, der Natur, der lebenssprühenden Struktur des Klangs selbst, und doch besitzt sie die Frische des Unberührten – unberührt und dadurch auch wieder berührend. Wir finden uns in einer teils vertrauten Welt wieder. Bach und Ligeti sind noch fast in Sichtweite. Die Melodien kommen uns bekannt vor. Erinnerungen an Klang so klar wie Licht kommen auf. Und doch ist alles anders.
Kein Wunder, dass Abrahamsen so viel Schneemusik komponiert hat, denn Schnee bildet auf uns bekannten Strukturen neue Formen und gibt uns so die Möglichkeit, neu zu beginnen. Ein solcher Neubeginn ist Abrahamsen mehrfach gelungen, so auch in seinem Stück Schnee (2006-08), geschrieben für zwei Klaviere und Schlagzeug und zwei einander gegenüberstehende Trios, das zu Recht als einer der ersten Klassiker der Musik des 21. Jahrhunderts gilt. Sich allmählich, fast über eine ganze Stunde hinweg herauskristallisierende Kanons fungieren auch als musikalische Porträts von Schnee, seinen Wirbeln, seiner Zartheit, seiner Kälte. Obwohl das Stück auf einer modalen Melodie basiert, bewegt es sich keinesfalls nur in den üblichen Tonschritten; vielmehr prägen ganz charakteristische, während der Aufführung vorgenommene mikrotonale Umstimmungen entscheidend den Klang von Schnee, die Kontrapunktik wunderschön verwischend, indem sie die Kanons immer wieder zwischen Klarheit und Unschärfe hin und her gleiten lassen.
Abrahamsen begann schon früh zu komponieren; seine ersten veröffentlichten Werke, die er mit sechzehn schrieb, zeigen sein Gespür für die Wiederentdeckung von Grundlegendem.
Schon mit dreißig konnte er auf ein umfangreiches Schaffen zurückblicken: mehrere Orchesterwerke (Nacht und Trompeten, ein leuchtendes, dramatisches Nachtstück, entstand als Kompositionsauftrag der Berliner Philharmoniker), zwei Streichquartette und zahlreiche andere, meist instrumentale Werke, darunter Winternacht, ein weiteres beeindruckendes Beispiel für winterlich inspirierte, poetische Musik.
1984 folgte eine Werkgruppe von sieben (später erweitert auf zehn) Klavierstudien, von denen einige in ihren furiosen Entwicklungsverläufen frappierend Ligetis ein Jahr darauf entstandene Klavieretüden vorwegnehmen. Ligeti, der kurzzeitig sein Lehrer war, war in Bezug auf musikalische Genauigkeit und Schönheit neben Steve Reich eines seiner ersten Vorbilder. Nun konnte Abrahamsen sich revanchieren und es eröffneten sich neue Möglichkeiten. Er arrangierte umgehend sechs seiner Studien, um sie Ligetis Horn-Trio bei dessen dänischer Erstaufführung zur Seite zu stellen (das Arrangement arbeitete er später um für Cello anstelle des Horns und betitelte es Traumlieder); außerdem komponierte er vier seiner Studien für großes Orchester um.
Dies kam allerdings erst zwanzig Jahre später. Denn wie sein kompositorischer Weg nach den Klavierstudien weitergehen sollte, war erst einmal alles andere als klar; seine Produktivität verlangsamte sich und kam dann zum Stillstand. Zwischenzeitlich betätigte er sich als Arrangeur, vornehmlich von Werken von Bach und Carl Nielsen. Als eigene Komposition unterbrach lediglich die kurze Rilke-Vertonung Herbstlied Abrahamsens Schweigen zwischen 1990 und 1998.
Nachdem er sein eigenes kreatives Schaffen mit einigen weiteren Klavierstudien wieder aufgenommen hatte, schrieb er nach rund fünfzehn Jahren erstmals wieder ein größeres Werk, sein 2000 vollendetes Klavierkonzert. Nicht zum ersten Mal greift hier ein Neuanfang tief in Abrahamsens Vergangenheit zurück – in den turbulenten schrägen Ostinatos und den damit kontrastierenden stillen Momenten der Klavierstudien, und in der Vielschichtigkeit von Form und Inhalt, die bis zu Winternacht und noch weiter zurück reicht. Das Konzert ist in seiner gleichzeitig intimen wie dichten Gestaltung absolut charakteristisch, dabei ebenso nah an Schumann wie an Strawinski.
Doch ist auch dieses ein Werk mit Eigencharakter,
mit Momenten wie hell aufblitzendem Feuerwerk
oder tröstlicher Umarmung.
Mikrotonale Stimmungen gibt es hier nicht, doch tauchen diese in Wald für fünfzehn Instrumentalisten (2009) wieder auf, und ähnlich wie in Schnee finden wir hier gleichzeitig Naturbeschreibung (hier von schattigen Wäldern), kulturelle Verweise (auf Hornsignale, Jagden und dräuende Geheimnisse) und sorgfältig gearbeitete musikalische Struktur. Die Selbstähnlichkeit undurchdringlicher Wälder ist auf verschiedenen Ebenen reflektiert, von den eröffnenden Tremoli (Quarten, mikrotonal und metrisch gegeneinander versetzt gespielt von zwei Geigen) bis hin zu der großangelegten Variationsform.
Die rätselhaften, doch faszinierenden gegeneinander versetzten Quarten zu Beginn von Wald kehren am Anfang des darauf folgenden Werks wieder, dem Doppelkonzert für Violine, Klavier und Streicher (2010-11). Auch Flocken gibt es, aus Schnee, etwa die frostig-berauschend klingenden Quasi-Unisoni zwischen hohem Klavier und Streicherflageoletts, oder die tänzerischen Figuren der zwei schnellen Sätze. Doch ist auch dieses ein Werk mit Eigencharakter, mit Momenten wie hell aufblitzendem Feuerwerk oder tröstlicher Umarmung.
Jede Komposition steht neben den anderen wie ein
musikalisches Geschwisterkind – verwandt und doch individuell.
Jede Komposition steht neben den anderen wie ein musikalisches Geschwisterkind – verwandt und doch individuell. Abrahamsens Streichquartett Nr. 4 (2012) beginnt in einer Gletscherwelt hoher Obertöne und mündet zum Ende hin mit seiner auf charakteristische Weise rhythmischen Komplexität in einen unregelmäßigen Tanz. Auch sein let me tell you (2013), ein Monodrama für Sopran und Orchester, endet in einer Winterlandschaft, doch das Bemerkenswerteste daran dürfte wohl die Neuerfindung der Gesangsmelodie mit ihrem äußerst leidenschaftlichen Ausdruck durch diesen Komponisten sein, der bisher sehr wenig für Gesang geschrieben hat.
Sein Klavierkonzert für linke Hand Left, alone (2014–15) ist wieder eine Geschichte, ein Drama aus Konflikt, Einsamkeit und gemeinschaftlichem Hochgefühl, und beweist, dass er reif ist für seine nächste selbst gesetzte Herausforderung, nämlich eine Oper über ein zu ihm ganz besonders gut passendes Sujet: Hans Christian Andersens Die Schneekönigin.
von Paul Griffiths
aus dem Englischen von Sebastian Viebahn