Ernst von Siemens Musikpreis 2026

Jordi Savall

Essay

Jordi Savall, Bringer von Gedächtnis und Hoffnung

von Bertrand Dermoncourt

"Menschen sind zuweilen Herren ihres Schicksals." (William Shakespeare,Julius Cäsar

"Bleibt dessen eingedenkt, daß es ohne Sinne kein Gedächtnis, und ohne Gedächtnis keinen Verstand gibt. (Voltaire, Abenteuer des Gedächtnisses)

Wir glauben fest daran“, schreibt Stefan Zweig in Das Geheimnis der künstlerischen Schöpfung, „dass man die hauptsächlichen Feinde des Menschen – Unwissenheit, Hass und Egoismus – nur durch Liebe, Wissen, Empathie und Verständnis bekämpfen kann; ist das nicht der äußerste Zweck von Kunst und Denken?“ Dieses Credo hat sich Jordi Savall seit jeher zu eigen gemacht. Er verkörpert die Erneuerung der Alten Musik und der „historisch informierten Aufführungspraxis“, ist zugleich Gambist, Chor- und Orchesterleiter, Ensemblegründer, Leiter von Plattenlabel und Festivals, Pädagoge, Forscher, Komponist, und nimmt so einen zentralen Platz im internationalen Kulturleben ein. Eine solche Rolle scheint aus heutiger Sicht selbstverständlich, exemplarisch und unvermeidlich, war jedoch keineswegs von vornherein gegeben. Wie alle großen Lebenswege, gleicht auch derjenige von Jordi Savall einem langen Pfad, gesäumt von Zufällen und Schwierigkeiten, geführt von guten Geistern, immer getragen Entdeckungsdrang, Ausdauer und harter Arbeit.

Savall i Bernadet lautet sein vollständiger Nachname, und er stammt aus Igualada, einer kleinen Stadt in Katalonien zwischen Montserrat und Tarragona, sechzig Kilometer nordwestlich von Barcelona, deren wichtigste Geschäftszweige damals die Leder- und Bekleidungsindustrie waren. Jordi wurde am 1. August 1941 in eine republikanische Familie und bescheidene Verhältnisse geboren, geprägt vom Bürgerkrieg und gesellschaftlicher Spaltung. Sein erster Kontakt mit der Musik? Die Wiegenlieder und Melodien, die seine Mutter ihm vorsang, dann im Alter von sechs bis dreizehn Jahren seine Teilnahme am Schulchor unter der Leitung von Joan Just i Bertrand (1897–1960) – eine entscheidende Phase in seiner Ausbildung. Rasch wird das gemeinsame Musizieren mit anderen Kindern zu einem grundlegenden Bedürfnis. Ein erstes, schmerzliches Ereignis bringt ihn paradoxerweise dazu, diesen Weg weiterzuverfolgen: Mit elf Jahren erkrankt er an Typhus, ist lange bettlägerig und hat dabei nur Bücher und ein kleines Radio als Begleiter. Mit einem Appetit, den er für immer behalten wird, entdeckt er Jules Verne, Puschkin, Beethoven, Brahms und viele andere. „Damals begriff ich, was ich zum Überleben wirklich brauchte“, bekennt er.

Mit dreizehn beendet Jordi die allgemeine Schulbildung – zeitgleich mit dem Stimmbruch –, und er setzt sein Musikstudium (Theorie, Harmonielehre, Komposition) am Konservatorium von Igualada bei Joan Just i Bertrand fort, der ihm neue musikalische Welten öffnet, von Johann Sebastian Bach bis George Gershwin… und probiert dabei alle Genres und Instrumente ein wenig aus. Dann kommt ein Tag, der anders als die anderen ist: Jordi geht im Konservatorium nicht wie sonst in den Unterricht, sondern schleicht sich in eine Probe von Mozarts Requiem mit der Schola Cantorum von Igualada und einem Streichquartett, die sein Lehrer dirigiert. Die Schönheit der Musik trifft ihn „im Innersten. Er sagt sich, „wenn Musik uns so tief bewegen kann, möchte ich Musiker werden“, und entscheidet sofort, Cello zu lernen.

Jordi verliert kein Wort über diese Offenbarung und fährt nach Barcelona, um ein Cello zu kaufen. Heimlich übt er allein in seinem Zimmer und entdeckt dabei zugleich das Instrument wie auch sein Repertoire. Zum ersten Mal in seinem Leben, mit vierzehn Jahren, fühlt er sich „zuhause“. Mark Twain hat diesbezüglich recht, wenn er sagt, es gebe „zwei wichtige Tage im Leben eines Menschen: den Tag seiner Geburt und den Tag, an dem er entdeckt, warum er geboren wurde“. Jordi hat es gefunden. Warum dieses Instrument, das Cello? Weil es der menschlichen Stimme am nächsten ist und das Herz direkt berührt.

Zwei Jahre später fühlt er sich bereit, am Conservatori Superior del Liceu in Barcelona zu studieren. Er interessiert sich für Alte Musik, besonders Diego Ortiz, den Komponisten der Renaissance, und ab 1960 setzt Jordi sein Cellostudium bei José Trotta Millán (1906–1979) sowie sein Kammermusikstudium bei Joan Massià i Prats (1890–1969) fort – zwei große katalanische Musiker, die zur herausragenden Generation von Pablo Casals gehören. Diesen trifft er 1963 in Prades, am Ende seines Studiums: „Ich war zutiefst beeindruckt“, erzählt Savall, „von seiner phänomenalen Lebenskraft und seiner Herangehensweise an die Musik, insbesondere seinem ausgeprägten Sinn für Details. Bei Casals war die Musik lebendig, von einer unvergleichlichen Fülle und Ausstrahlung – das war das Wort, das er selbst verwendete. Seine ganze Kunst war darauf ausgerichtet, den Klang zum Zuhörer zu bringen. Eine großartige Lektion.“ Für Jordi stellen sich neue Fragen: Warum überhaupt Musik machen? Wie kann man ein überzeugendes Ergebnis erreichen, das direkt berührt? Kann Musik das Leben bereichern? Und wenn ja, wie? Zur selben Zeit schließt sich Jordi Savall einer Gruppe junger Intellektueller und Künstler an, die der Dichter und Kulturaktivist Antoni Pous i Argila (1932–1976) leitet. Inmitten der Franco-Diktatur studieren und übersetzen sie Werke von Herbert Marcuse (Über den affirmativen Charakter der Kultur), Lincoln Barnett Antonio Gramsci, Georges Friedmann, Franz Kafka, Herman Broch… und veröffentlichen sie in der Zeitschrift Els Quaderns del Lacetania (1962–1965). Eine äußerst intensive Erfahrung, die ihn für immer prägen wird.

Nach seinem Abschluss im Juni 1965 nimmt Jordi an einem Kurs in Santiago de Compostela teil, bei dem er mit dem Cembalisten Rafael Puyana (1931–2013) an seinen kammermusikalischen Fähigkeiten feilt. Am Ende des Kurses spricht ihn dieser an: „Warum spielst Du diese ganze Alte Musik für Viola da Gamba auf dem Cello?“ Jordi hatte Gamben zwar in Museen gesehen, aber nicht einen Moment daran gedacht, dass man sie noch spielen könnte… Er notiert in sein Heft: „eine Viola da Gamba suchen“. Ein erneuter Glücksfall: Als er zuhause ankommt, findet er eine Nachricht von Enric Gispert, dem Leiter von Ars Musicæ, dem 1935 gegründeten Alte Musik-Ensemble in Barcelona. Sie benötigen dringend einen professionellen Gambisten für eine Aufnahme mit der Sopranistin Victoria de los Ángeles im Auftrag von EMI.

Gispert (1925–1990) hat von Jordi durch eine Studentin des Konservatoriums, die Sängerin Montserrat Figueras – seine spätere Frau und Mutter seiner beiden Kinder Arianna und Ferran – gehört. Sie kennt ihn noch nicht, mag aber seine Art, Bach auf dem Cello zu spielen, und glaubt, er könne sich problemlos an die Gambe gewöhnen. So wird Jordi eine Gambe angeboten und alles beginnt von vorn: allein untersucht er das Instrument und versucht, es zu verstehen… Er experimentiert und findet schnell einen guten Zugang. Ein Jahr später gibt er auf dieser Gambe in Barcelona sein erstes Konzert und spielt altes Repertoire. Folgt wieder ein Zufall? Wieland Kuijken, Vorreiter der Gambe-Renaissance und drei Jahre älter als Jordi, ist zu diesem Zeitpunkt auf Tournee in Barcelona und geht zu Jordis Konzert. Der Kontakt ist geknüpft und der Austausch zwischen den beiden Pionieren beginnt.

Ebenso entscheidend ist Savalls Begegnung mit den musikalischen Quellen, den Manuskripten. Jordi arbeitet an der Nationalbibliothek in Paris. Er entdeckt Marin Marais, Couperin, Forqueray, Le Labyrinthe, Les Folies d’Espagne, Les Voix humaines… Er hatte nicht mit der Schönheit der Partituren gerechnet, sie erschüttert ihn. Seine Entdeckungen an der Königlichen Bibliothek Brüssel und am British Museum sind ebenso bedeutend: Musik von Thomas Hume, William Byrd, Werke für Gambenconsort… Jordi forscht nur wenige Tage und begreift die ungeheure Fülle der vergessenen Schätze. Aufgrund dieser fühlt er sich in der Pflicht, sich in erster Linie der Gambe und ihrem seit so langer Zeit in Archiven und Bibliotheken schlummernden Repertoire zu widmen.

Drei Jahre lang arbeitet Savall mit Kopien der Originalpartituren, studiert Briefe, Texte und Abhandlung der Zeit. Er ist überzeugt, dass man die Gambe nicht wie ein Cellist spielen darf, sondern das Instrument nach seinen eigenen Gesetzen neu entdecken muss. Dazu muss er seine Ausbildung abschließen, und erfährt dabei wieder einen glücklichen Zufall: Über das Goethe-Institut Barcelona, dessen Direktor der Alten Musik sehr zugetan ist, kommt er mit August Wenzinger (1905–1996), dem bedeutenden Lehrer an der Schola Cantorum Basiliensis, in Kontakt. Mit einem Stipendium zieht Jordi im Februar 1968 in die Schweiz. In die erste Stunde mit seinem Lehrer kommt er mit Faksimiles der Forqueray-Korrespondenz, mit Abhandlungen und den wichtigsten Musikstücken für Gambe, und bittet Wenzinger, ihm zu helfen, eine Praxis des Gambenspiels ähnlich der von Marin Marais oder Antoine Forqueray zu entwickeln: etwa den Finger auf die Haare des Bogens zu setzen statt auf das Holz, die Hand mit flexiblem Handgelenk dem Arm folgen zu lassen und nicht andersherum, etc. Gemeinsam probieren sie aus, was funktioniert… und was nicht. Jordi verfestigt diese neue Spielweise und schließt 1970 sein Studium ab.

Wenige Monate später wird er eingeladen, die drei Sonaten von Bach mit Rafael Puyana in der Queen Elizabeth Hall in London zu spielen. Bald darauf konzertiert er fast überall mit Ensembles wie La Petite Bande von Gustav Leonhardt und den Kuijken-Brüdern, mit Trevor Pinnocks English Consort, mit dem Ricercare-Ensemble von Michel Piguet und anderen Gruppierungen, unter anderem auch in Deutschland. Die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ wirkt, und Savalls Name macht die Runde. Er übt weiterhin unermüdlich: acht Stunden täglich, komme was wolle. Da er mit dem Cello erst spät begann, will er so verlorene Zeit aufholen. Um das Lampenfieber, die „Angst vor dem Risiko“ zu bekämpfen, übt er sich in Meditation – eine Praxis, die er nie mehr aufgeben wird. „Die Seele wird durch die Musik angeleitet, sich im Körper zu erkennen“, schreibt Claude Lévi-Strauss in Der nackte Mensch. Jordi Savall verkörpert dieses Prinzip in höchstem Maße.

1973 bewirbt er sich als Lehrer an der Schola und bekommt die Stelle dank der entscheidenden Stimme des Jurypräsidenten Nikolaus Harnoncourt, Cellist, Gambist, Dirigent – und bereits damals eine wichtige Figur der Alten Musik. Er erkennt in Savall einen geborenen Pädagogen und Künstler, der sich der Musik wie er selbst mit Stil und Strenge nähert, ohne dabei Fantasie, Emotion und Freiheit zu vergessen. Savall stehen nicht viele Mittel zur Verfügung; Konzerte reichen nicht zum Leben, daher kommt diese Lehrtätigkeit wie ein Segen.

In dieser Zeit organisiert Rafael Puyana ein Konzert in Paris mit Jordi für die Gräfin Geneviève de Chambure, Konservatorin des Instrumentenmuseums des Conservatoire de Paris, Musikwissenschaftlerin mit Spezialisierung für das 15. und 16. Jahrhundert sowie Sammlerin alter Instrumente, Partituren und Werke über Musik. Nach dem Konzert sagt sie zu Jordi: „Junger Mann! Sie spielen sehr gut, aber Sie haben ein sehr schlechtes Instrument!“ Wenige Monate später schlägt sie ihm ein Konzert mit Werken von Marin Marais und Sainte-Colombe vor und… bietet ihm eine ihrer Gamben aus dem späten 17. Jahrhundert an. Mit dieser werden alle historischen Hinweise zum Gambenspiel, die er sieben Jahre lang mühsam zu erlernen versucht hatte – en l’air-Bogenführung, flexible Spielweise, Arpeggien, Geschmeidigkeit und Präzision… plötzlich viel klarer und leichter umzusetzen. Bald kauft Jordi seine eigenen Instrumente. Unterdessen gibt er immer häufiger Gambenkonzerte.

Nach einem davon spricht ihn Michel Bernstein (1931–2006) an, erklärt, er sei Plattenproduzent, gründe eine neue Reihe namens Astrée und wolle Aufnahmen mit ihm machen. Blindes Verständnis. Wieder klopft das Schicksal an die richtige Tür! Nach zehn Jahren intensiver Arbeit an der Gambe nimmt Savall im Dezember 1975 den ersten Teil von „Le Parnasse de la Viole“ auf, er ist Couperin gewidmet. Dann folgt Marais. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Michel Bernstein und einer umfangreichen Reihe von Aufnahmen, rund sechzig insgesamt. Sie ermöglichen mehreren Generationen einen Zugang zu diesen Kompositionen und sind zugleich Zeugnis einer ausdrucksvollen Spielweise.

Gleichzeitig erkennt Savall, dass seine Zeit als „musikalischer Söldner“, der sein Talent an die unterschiedlichsten Stellen verkauft, zu Ende geht. Er muss sein eigenes Ensemble gründen. Er versammelt Kollegen aus der Schola, etwa den Lautenspieler Hopkinson Smith, und andere, darunter seine Partnerin Montserrat Figueras, mit der er bis wenige Monate vor ihrem Tod am 23. November 2011 eine lange und fruchtbare musikalische Beziehung pflegt. Gemeinsam werden sie spielen und – das ist ganz neu – improvisieren. Insbesondere in der Musik des Mittelalters und der Renaissance geben Texte und Notationen zwar klare Angaben, lassen aber auch viel Freiraum. Gemäß diesen Prinzipien geben Savall und seine Musiker*innen 1975 ihr erstes öffentliches Konzert. Das Ensemble hat noch keinen Namen, doch ihr Freund, der Dichter Antoni Pous schlägt „Hespèrion XX“1 vor. Der Produzent Gerd Berg vom deutschen EMI-Ableger Electrola, bietet ihnen sofort an, die Reihe „Reflexes“ aufzunehmen. Für Savall scheint die Schallplatte damals das zuverlässigste Mittel zu sein, um einer Vision, einem Ideal möglichst nahe zu kommen. Um eine Interpretation festzuhalten. Im Übrigen entdeckt er zufällig das „Geheimnis“, um eine Aufnahme so lebendig wie ein Konzert wirken zu lassen… Während einer seiner ersten Aufnahmen in der Kirche Saint-Lambert-des-Bois, in der Nähe eines Flughafens, muss er aufgrund des Fluglärms nachts aufnehmen. Dabei macht er die Erfahrung, dass Erschöpfung zu einem Mehr an Ausdruck führen kann, wodurch unerwartete und oft außergewöhnliche Dinge passieren. Diese Methode wendet er später bei größeren Werken an, etwa bei Monteverdis Marienvespern im Jahr 1986 oder Cererols’ Messen im darauffolgenden Jahr, stets in Räumen mit natürlicher, warmer und raumfüllender Akustik wie in der Stiftskirche von Cardona in Katalonien. Mit der Entwicklung der Aufnahmetechnik gewinnt er immer mehr Freude an Live-Aufnahmen, selbst bei anspruchsvollen Werken wie Bachs Weihnachtsoratorium oder den Officia von Victoria.

Schritt für Schritt und mit Beharrlichkeit, formt Savall seine Überzeugungen, seine Ethik und seine Ästhetik. Er liest Nikolaus Harnoncourts Texte über die historische Aufführungspraxis. An ihnen misst er den Erfolg der Alten-Musik-Bewegung im Gegensatz zu jener der zeitgenössischen Musik. Er bevorzugt im Übrigen die Idee einer „lebendigen Musik“, die alle Musik einschließt, die von Musiker*innen unserer Zeit gespielt und von Hörer*innen Casals als zeitgemäß empfunden wird. Savall findet sich in der Ästhetik eines bedeutenden Komponisten wieder: Arvo Pärt, dessen Werke eine Verbindung zur Vergangenheit und zum Publikum herstellen. Ihre Zusammenarbeit wird wertvoll sein, Pärt schreibt etwa Da Pacem für den Katalanen, das Werk ist den Opfern der Madrider Anschläge 2004 gewidmet. Savall denkt auch über Pablo Casals’ Gespräche nach. Daraus bleibt ihm besonders in Erinnerung, dass „Musik den Hass bei jenen vertreibt, die ohne Liebe sind. Wer ohne Ruhe ist, dem schenkt sie Frieden, und sie tröstet die Weinenden.“ Er denkt ebenso an Sätze von Wilhelm Furtwängler aus den Gesprächen über Musik, etwa: „Musik ist die geistigste aller Künste.“ Oder: „Sie ist nur dann lebendig, wenn ein Interpret sie spielt, ein Sänger sie singt.“ Oder weiter: „Die Bedeutung eines musikalischen Werkes hängt nicht von der Bedeutung seiner Form ab, sondern vom Gehalt an Ausdruck, den es in sich und ins Publikum trägt.

Seine Vorstellungen sind von vielen weiteren Lektüren inspiriert, darunter auch Wassily Kandinskys Über das Geistige in der Kunst. Daraus schließt Savall, dass eine musikalische Phrasierung nur dann authentisch sein kann, wenn sie nicht vorgefertigt ist, sondern organisch entsteht. Der Gesang muss im Inneren bereits vorhanden sein, bevor der Musiker ihn nach außen bringen kann. Letztlich entscheide immer die Intuition. Diese Herangehensweise lässt sich nicht nur auf unbekannte Musik ohne tradierte Interpretation, wie diejenige für die Gambe, anwenden, sondern auch auf die meistgespielten Werke des Repertoires, etwa auf Beethovens Symphonien. Jordi wagt sich mit ungewöhnlicher Frische und Inbrunst an diesen Koloss, und zeigt dabei Achtung vor den Quellen, insbesondere in Bezug auf Tempi, Instrumente und Besetzungen aus Beethovens Zeit, als höre man die Symphonien zum ersten Mal. Sagte nicht der Autor der Ode an die Freude, „Musik ist die empfindbare Übertragung des geistigen Lebens“?

Zusammen mit dem Regisseur Alain Corneau arbeitet Jordi Savall 1991 am Film Tous les matins du monde. Ein großer künstlerischer und ein beachtlicher Publikumserfolg, nicht nur in Frankreich, der viele Jahre Arbeit hinter den Kulissen und im Dienste unbekannter Repertoires belohnt. Nach dem Roman von Pascal Quignard erzählt der Film von der Beziehung zwischen Marin Marais und seinem Lehrer Monsieur de Sainte-Colombe und macht Barockmusik, die Gambe und den Namen Jordi Savall einem breiten Publikum bekannt. 1994 erscheint sein Name auch im Abspann von Jacques Rivettes Film Jeanne la Pucelle, für den er die Musik schreibt.

Diesen Weg – vom Mittelalter bis zur Romantik, von der Kammermusik zu großen Besetzungen, vom Gambisten zum Dirigenten, von kleinen Konzerten zu den prestigeträchtigsten Sälen – beschreitet Jordi Savall Schritt für Schritt, geduldig, und ungezwungen. So gründet er 1987 mit Montserrat Figueras und Musiker*innen von Hespèrion XX die Capella Reial de Catalunya und zwei Jahre später ein Orchester, Le Concert des Nations, um seine Erkundung der Musikgeschichte von Purcell bis Bruckner fortzusetzen, über Vivaldi, Mozart, Haydn und viele andere, über alle Gattungen hinweg, vom Ballett über Oratorien und Symphonien bis hin zur Oper. Zum 30-jährigen Jubiläum von Concert des Nations gründet Savall 2019 das Yocpa-Projekt (Youth Orchestra and Choir Professional Academies): professionelle Akademien für junge Sänger*- und Instrumentalist*innen, spezialisiert auf historische Praxis und die Suche nach dem, was er den „Originalklang“ nennt. Zum 250. Geburtstag Beethovens arbeitet er an dessen neun Symphonien; zu diesem Zweck organisiert er verschiedene Akademien zur Vorbereitung, Vertiefung und Aufnahme der Werke. Jordi bringt ein Ensemble bestehend aus erfahrenen Profis und jungen Berufsmusiker*innen zusammen. Trotz der Covid-19-Pandemie und dank der Unterstützung mehrerer Institutionen (Ministère de la Culture in Frankreich, Generalitat de Catalunya, Diputació de Barcelona, etc.) gelingt es Savall, noch 2020 diese „Beethoven-Revolution“ auf zwei Alben, die mit einhelliger Begeisterung aufgenommen werden, zu verwirklichen. Seitdem verfolgt er diese Erforschung des Repertoires weiter: mit der Missa Solemnis, Haydn (Die Schöpfung und Die Jahreszeiten), Schubert (die beiden letzten Symphonien), Mozart (Requiem und Große Messe in c-Moll), Mendelssohn (4. Symphonie, Ein Sommernachtstraum) und einem Album „Vergessene Symphonien“, das sich Schumann und Bruckner widmet. Jedes Mal gelingt ihm ein fruchtbarer Dialog zwischen diesen Werken und dem heutigen Publikum: weil er sich immer wieder auf die Quelle besinnt, lässt Savall diese Meisterwerke der Vergangenheit lebendig werden. Mit stets wachem und kritischem Geist denkt er jede Partitur neu, um sie besser kennenzulernen und sie letzten Endes noch mehr wertzuschätzen.

All dies macht Jordi Savall zu einem vollendeten Musiker. Er nimmt, wie gesagt, einen wichtigen Platz im Kulturleben ein. Für viele hat er die Herangehensweise an Musik, aber auch an Kunst generell, und vielleicht sogar das Leben, verändert. In einer allzu oft künstlichen Welt verkörpert Savall seit Generationen ein seltenes Vorbild an Würde und Ethik. In einer turbulenten und unsicheren Zeit, in der Hierarchien und Gewissheiten relativiert wurden, Intoleranz stärker wird, und in der alles oberflächlich und gleichgemacht erscheint, hinterfragt Savall, aus den Quellen unserer Kultur und des Humanismus schöpfend, einen unruhigen Universalismus, eine unvollendete Identität, sowie ein komplexes und anzweifelndes Denken. Nach all den Jahren harter Arbeit im Dienst der Meister der Vergangenheit, ist er nun selbst ein Leuchtturm, eine jener Persönlichkeiten, die uns helfen, zu ertragen, was uns widerfährt, und uns vielleicht wieder froh stimmen.

Als Wegbereiter gründet Savall 1997 in Barcelona seine Stiftung, Fundació Centre Internacional de Música Antiga, – die Struktur und das Team machen es ihm möglich, sein hohes Arbeitstempo zu halten – und ein Jahr später sein eigenes Label Alia Vox, das seine künstlerische Entwicklung dokumentiert und besonderen Fokus auf redaktionelle und klangliche Qualität legt. Viele Buch-CD-Veröffentlichungen, etwa die Reihe Orient–Occident, zeigen die zunehmend Kulturen übergreifende Dimension seiner Arbeit seit den 2000er-Jahren. Diese Publikationen bilden auf dem Nährboden von Erinnerung und Geschichte einen wichtigen Beitrag zur Reflexion über die Gegenwart, ohne künstliche Spaltungen oder trügerische Verkürzungen –als Akt des Widerstands gegen die oberflächliche Unmittelbarkeit unserer Zeit.

2008 wird er von der Europäischen Union zum Botschafter für interkulturellen Dialog ernannt und wird Teil der „Künstler für den Frieden“ der UNESCO. So lässt Jordi Savall die Musik im Dienst von Teilhabe, Toleranz und Frieden sprechen – um den Sinn unserer Ursprünge und unserer tragischen Erlebnisse besser zu verstehen, um uns unsere unerschöpflich reiche Vielfalt durch das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten spüren zu lassen. Musik ist, in seinen eigenen Worten, unerschöpfliche Quelle von Schönheit und neuen Entdeckungen. „Jordi Savall zu hören“, schreibt Amin Maalouf in Mare Nostrum, „ist keine Erfahrung wie jede andere. Denn zum ästhetischen Gefühl gesellt sich ein noch intensiveres: das bezauberte Empfinden, Teil einer versöhnten Menschheit zu sein.

In diesem Sinne gründet er 2015 in der Abtei Fontfroide im Süden Frankreichs das „Musik und Geschichtsfestival für interkulturellen Dialog“ und verstärkt seine Unterstützung für Geflüchtete mit dem Projekt Orpheus XXI. Nach der Pandemie gründet er im Süden Kataloniens das Festival Jordi Savall in den Königlichen Klöstern Santes Creus und Poblet.

Mit nunmehr 84 Jahren überrascht Jordi Savall uns immer noch mit neuen Initiativen. Seine Ideen inspirieren, seine Interpretationen berühren uns. Seine Energie und Inspiration scheinen unerschöpflich. Er glaubt weiterhin, dass „ohne Utopie keine wirklich fruchtbare Tätigkeit möglich ist“ (Michail Saltykow). Doch dass Jordi Savall weiterhin zu solcher Kreativität fähig ist, verdankt er wohl auch dem Glück, erneut die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Die Präsenz und Unterstützung seiner Frau Maria Bartels, die niederländischen Philosophin, mit der er seit 2017 verheiratet ist, haben ihm neuen Auftrieb gegeben. Sie begleitet ihn nicht nur im Privatleben, sondern auch bei seinen vielen Projekte als künstlerische, literarische und persönliche Beraterin. Im September 2025 veröffentlichen sie gemeinsam Text zum israelisch-palästinensischen Konflikt mit dem Titel „Peut-on rester neutre face à un génocide ?“ („Kann man angesichts eines Genozids neutral bleiben?“), ein kraftvoller Friedensappell, der große Resonanz fand.

Jordi Savall erhielt im Laufe seiner Karriere zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter Ehrendoktorwürden der Universitäten Évora (Portugal), Barcelona (Katalonien), Löwen (Belgien), Basel (Schweiz) und Utrecht (Niederlande).
Ebenso erhielt er die Medalla d’Or der Generalitat de Catalunya, und 2014 den Premio Nacional de Música, den er aus Protest gegen den mangelnden Einsatz Spaniens für das Erbe der Alten Musik ablehnte. International wurde er vielfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion, dem Praetorius Musikpreis Niedersachsen, sowie dem Léonie-Sonning-Musikpreis. Er ist außerdem Ehrenmitglied der Royal Philharmonic Society, der Königlich Schwedischen Musikakademie und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia.

Nun krönt der Ernst von Siemens Musikpreis die Reihe dieser Auszeichnungen.

Übersetzung: Saskia Müller-Bastian

 

1„Hespèrion” stammt von der Bezeichnung der Iberischen Halbinsel und der italienischen Halbinsel in der Antike. „XX” stand für das Jahrhundert, in dem sie sich zur damaligen Zeit befanden. Der Name zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu „Hespèrion XXI” geändert.