Förderpreis Komposition 2026
Bethan Morgan-Williams
Essay
Push and Pull
von Tim Rutherford-Johnson
„no forgiveness“, schreibt Bethan Morgan-Williams oben auf ihre Partitur für Gormod, komponiert für ein kraftvolles Musikfabrik-Quintett aus Oboe, Bassettklarinette, Euphonium, Viola und Cello. Die 1992 in Wales geborene Komponistin fügt ihren Partituren oft solche Anmerkungen hinzu, die ebenso narrativ wie ausdrucksstark sind. Dog in the Moon für Viola und Schlagzeug enthält Phrasen, die die Lebensgeschichte eines geliebten, verstorbenen Haustiers skizzieren; Voices Go With You für Ensemble ist ein Traum/Alptraum über die Ängste von Musiker*innen („How did we get to the auditorium?“ / „Tempo 1, crash site“ / „Crush bar, in jest“). Solche Zeilen, gibt sie zu, sind nicht geplant, sondern werden zusammen mit der Musik geschrieben.
Doch die beiden Wörter, die den emotionalen Tenor von Gormod umrahmen, lassen mehr vermuten. Neben einer möglichen Geschichte eröffnen sie eine Reihe von Beziehungskonstellationen und eine „moralische Landschaft“. „no forgiveness“: Aber wem gegenüber? Und wofür?
Sicherlich wird eine unversöhnliche Haltung zwischen der Musik und den Musiker*innen, die sie spielen müssen, suggeriert. Wie die von Gletschern geformten Hügel des Kerry Ridgeway in Mittelwales – deren Konturen eine explizite Inspiration für das 42-minütige Bassklarinettenstück Skyppan sind, das für Carl Rosman von der Musikfabrik geschrieben wurde – erfordert Gormod technisch gesehen „strong boots, stout hearts and a faultless sense of direction“ [robuste Stiefel, standhafte Herzen und einen untrüglichen Orientierungssinn]. Eine weitere könnte zwischen den Musiker*innen und ihren Zuhörer*innen bestehen: eine Aufforderung, Konflikte und Schwierigkeiten zuzulassen und keine Ecken und Kanten zu glätten oder den Weg zu ebnen.
Und vielleicht ist der unversöhnliche Ton auch ein Wort der Komponistin an sich selbst. Morgan-Williams ist streng mit ihrer eigenen Kunst. In ILDIO, komponiert für die Birmingham Contemporary Music Group, lässt sie die Harfenistin die Musik durch ein Megaphon unterbrechen: „Das funktioniert nicht. Das ist kein Entwurf. Es ist Zeitverschwendung mit einem Zeitstempel.“ Die Stimme des inneren kreativen Gewissens wird mit Humor dargestellt, aber ihre Aussage ist ernst gemeint. Jede*r Künstler*in wird diesen Tonfall nachvollziehen können, aber die eigene Arbeit anhand der eigenen Denkmuster zu hinterfragen, bedeutet, eine schmerzhafte Wahrheit zu akzeptieren: dass Kunst schwierig ist und ihre Ergebnisse ungewiss.
Dennoch begrüßt Morgan-Williams diesen Aspekt der Kreativität. Inspiriert von Tim Ingolds Idee der Linie als Pfad des Werdens wählt sie bewusst ungewohnte oder unnachgiebige Materialien und nimmt sich bei jeder Arbeit vor, etwas zu tun, das sie zuvor noch nicht getan hat. Das Material von Gormod beispielsweise stammt aus choreografischen Anweisungen von Lucia Dlugoszewski; Voices Go With You aus der Struktur eines Gedichts von David Harsent, von dem es auch seinen Titel hat. Auf diese Weise hat der Prozess der Auseinandersetzung mit den Materialien Vorrang vor einem leicht zu erreichenden Ergebnis.
Je schwieriger es ist, desto besser, denn dann muss ich als Komponistin mehr leisten, damit es funktioniert.
Morgan-Williams spricht davon, dass ihr Material im Laufe des Stücks „mehr zu sich selbst findet“ und Spuren seiner Entstehung hinterlässt, wie die Unvollkommenheiten von handgefertigter Keramik.
Ich bin mehr daran interessiert, herauszufinden, was etwas leisten kann, als zu versuchen, es gut klingen zu lassen.
Und so deutet „no forgiveness“ auch auf eine kreative Ethik hin, die Schwierigkeiten nicht scheut und nicht versucht, sie zu beschönigen oder in etwas Tröstliches aufzulösen. In den letzten Jahren hat Morgan-Williams aus ihren eigenen Erfahrungen geschöpft, um Musik zu schreiben, die herausfordernde emotionale oder neurologische Zustände beschreibt und erforscht. ILDIO schöpft aus ihrer manchmal schwierigen Beziehung zum Leben im 21. Jahrhundert zurück: seine Menschenmassen, seinen Lärm, seine blinkenden Lichter. Um dieses Gefühl der Überwältigung darzustellen, präsentiert sie eine Musik aus mehreren widersprüchlichen Schichten, die sich nur allmählich zu einer einzigen, aber immer noch eindringlichen, immer noch widerspenstigen Idee ausdünnen. Gormod entspringt einem ähnlichen Ansatz. Die Komponistin beschreibt es als einen Versuch, „die Widerstandsfähigkeit und Stärke zu vermitteln, die erforderlich sind, um sich in einer Welt zurechtzufinden, die die einzigartige Perspektive von Menschen, die anders denken, nicht immer versteht“, was durch eine emotionale Landschaft illustriert wird, die so unlesbar und tückisch ist wie Treibsand. Gêmdis, eines ihrer Lieblingsstücke, das ebenfalls für Rosman und die Musikfabrik geschrieben wurde, folgt einem emotionalen Weg, der so zufällig und rekursiv ist wie die Würfe eines Würfelspiels.
Und darin liegt das generative Paradoxon ihres Werks. Trotz aller Konfrontation und Herausforderung, trotz ihrer harten Fassade und ihrem unversöhnlichen Ton spricht Morgan-Williams‘ Musik innerlich von Großzügigkeit und Freundlichkeit. („Ildio“ ist walisisch für „Kapitulation“, „gormod“ walisisch für „zu viel“). Dabei lässt sie sich auch von Hirokazu Miyazakis Arbeit über Hoffnung inspirieren, die er als Ergebnis eines fortwährenden, offenen Umgangs mit Möglichkeiten darstellt. Indem sie sich – ohne Vergebung, ohne Kompromisse – mit Materialien, Musiker*innen, Zuhörer*innen und Klängen auseinandersetzt, strebt Morgan-Williams eine produktive Interdependenz an. Durch solches Zuhören, Gestalten und Lernen wird Hartnäckigkeit zu einer Einladung zu Verständnis und Intimität.
Ich glaube, das Zeitalter des Selbst liegt hinter uns. Es ist nicht länger ein Zeichen von Stärke, unabhängig zu sein.