räsonanz – München 2017
Claude Vivier
Vielen gilt Claude Vivier als der größte Komponist, den Kanada je hervorgebracht hat. Als Vivier im Alter von 34 Jahren einem schockierenden Mord zum Opfer fiel, hinterließ er etwa 49 Kompositionen unterschiedlichster Gattungen, von Oper und Orchesterwerken bis zu kammermusikalischen Werken. György Ligeti nannte ihn den „herausragenden französischen Komponisten seiner Generation“.
Der in Montréal als Sohn unbekannter Eltern geborene Vivier wurde mit drei Jahren adoptiert. Nachdem er sechzehnjährig von einem Seminar wegen „unreifen Benehmens“ verwiesen wurde – aus seiner Homosexualität machte er nie ein Geheimnis –, begann er sein Studium am Conservatoire de Musique in Montréal. Zu seinen Lehrern zählten Gilles Tremblay (Komposition) und Irving Heller (Klavier). Im Jahr 1971 ging Vivier nach Europa, wo er bei Gottfried Michael Koenig in Utrecht elektroakustische Musik und bei Karlheinz Stockhausen in Köln Komposition studierte. Trotz des Einflusses, den Stockhausen auf ihn ausübte, entwickelte Vivier seinen eigenen, sehr persönlichen Stil. Chants, das während dieser Zeit entstand, bedeutete für ihn „den ersten Moment meiner Existenz als Komponist“.
Im Herbst 1976 unternahm Vivier eine lange Asienreise. Ein Besuch auf Bali veranlasste ihn, seine Vorstellungen von der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft zu überdenken, womit eine neue Periode in seiner stilistischen Entwicklung begann. Unter dem Eindruck der Reise entstanden Shiraz für Klavier, Orion für Orchester und seine Oper Kopernikus. Viviers einzigartiger Stil jedoch bildete sich vor allem in seinem Zyklus von Stücken für Stimme und Ensemble heraus, insbesondere in Lonely Child und Prologue pour un Marco Polo.
In einem Porträt in der New York Times schrieb Paul Griffiths: „Die harmonische Aura ist plötzlich viel komplexer, und die fantastische Instrumentierung ist anders als alles, was Vivier zuvor geschrieben hatte – oder als das, was andere vor ihm geschrieben haben. Vielleicht ist er beim genauen Zuhören von Glocken und Gongs darauf gestoßen, denn die gewichtigen Akkorde, die neben der Stimme einher- oder um sie herummarschieren, haben im Allgemeinen tiefe Grundtöne, gestört von einem Zischen höherer Töne, ähnlich metallischer Resonanzen.“ Während dieser Zeit begann Vivier, Texte in einer erfundenen Sprache zu schreiben, die die Einzigartigkeit seiner musikalischen Sprache widerspiegelten.
Seine letzten Lebensmonate verbrachte Vivier in Paris. Am 12. März 1983 fand man ihn erstochen in seiner Wohnung auf. Sein Mörder, ein 19jähriger, mit dem sich möglicherweise eine Beziehung anbahnte, wurde später gefasst und verurteilt.
Für Viviers Musik haben sich unter anderem Mauricio Kagel, Kent Nagano, Reinbert de Leeuw, David Robertson und Dawn Upshaw eingesetzt. Seine Werke standen im Mittelpunkt des Holland-Festivals 2005, und das St. Louis Symphony Orchestra eröffnete die Saison 2005/06 mit Lonely Child, mit David Robertson als Dirigent und Dawn Upshaw als Sopransolistin. Im Jahr 2005 rief das Montréal Symphony Orchestra den Claude Vivier National Prize für das beste Werk eines kanadischen Komponisten ins Leben.
Claude Vivier im Gespräch mit Susan Frykberg.
Musicworks No. 18, Winter 1982.
[…] In unserer Kultur erwarten die Leute immer Antworten. Eine ästhetische Antwort, um dann zu sagen, Ah ha! Das ist die Wahrheit. Und mit politischen Systemen ist es dasselbe. Sie versuchen, Antworten zu finden und sie versuchen, diese Antworten auf Massen von Menschen anzuwenden. Was manchmal für einzelne Lebenswege sehr gefährlich ist. Gerade gibt es einen gänzlichen Umschwung in der Politik und…
Du stellst in Deiner Musik also immer Fragen…welche Fragen?
Zeit, Liebe, in der Regel intime Fragen. Aber es ist schwer zu sagen, dass ich in meiner Musik Fragen stelle, weil Musik so eine… Weißt Du, wenn das Stück erst einmal vorliegt, hat man damit auch abgeschlossen. Meine Musik ist ein Paradox. Üblicherweise gibt es in der Musik eine Entwicklung, eine Richtung oder ein Ziel, den großen Knall oder ein crescendo oder was auch immer, was in meiner Musik immer seltener vorkommt. Ich habe nur Aussagen, musikalische Aussagen, die auf irgendeine Art nirgendwohin führen. Auf der anderen Seite führen sie aber auch wo hin, aber subtiler. Nicht auf Grundlage der Führung eines crescendo oder der Führung der tatsächlichen Erwartungen der Zuhörer, ich meine Erwartungen im dramatischen Sinn. Meine Musik hat diese Erwartungen meistens nicht. Oft sind es nur Aussagen, sehr deutliche Aussagen, manchmal mit dramatischen Bögen, aber nicht wie in der romantischen Musik.
Kannst Du Dich von diesem Standpunkt aus mit irgendeinem früheren Komponisten vergleichen?
Ich könnte mich mit mancher Japanischer oder Balinesischer Musik vergleichen. Unter westlichen Komponisten könnte ich mich mit Mozart und Chopin vergleichen.
Mozart oder Chopin?
Ja.
Wie? Ich meine, Chopin ist wirklich romantisch, mit dramatischen Bögen und…
Nun, es gibt immer Bögen…aber bei beiden Komponisten gibt es eine Reinheit in Bezug auf Linie, Melodie, Harmonie und Entwicklungsstil, wo es eine Zelle geben kann, die wächst und sich entwickelt.
Aber darüber haben wir vorhin nicht gesprochen, sondern über deutliche Aussagen. Sie gehen definitiv irgendwohin.
Ja, es geht irgendwohin, aber es geht nicht dahin…
…wohin Brahms es bringt.
Oder Beethoven oder sogar Bach: Oh! Es ist wirklich schwer, das zu definieren. Weil ich nicht per se gegen jede Expressivität bin – das wären manche Stücke dieser Künstler in New York, bei denen man gar nichts hat. Aber wenn Du eine Melodie hast, muss es irgendwohin gehen.
Dann könnte man beinahe sagen, das sei anti-romantisch.
Es ist anti-romantisch, aber manche würden auch sagen, es sei romantisch. Was auf ein sehr schlechtes Verständnis der romantischen Musik selbst hinweist. Eigentlich sind vielleicht diese letzten Stücke die besten Beispiele für meine Musik … Copernicus, Lonely Child, Marco Polo, Samarkand, Orion … Boukhara. Da habe ich komplett aufgegeben, was in der westlichen Musik so schrecklich wichtig war, Kontrapunkt, und habe nur mit Melodie gearbeitet. Das ist die wichtigste Verbindung zu nicht-westlicher Musik. Die Melodie ergibt sich fast von selbst. In meiner Musik ist viel Automatismus, auch wenn es sich nicht so anhört. Die Melodie gibt die Farben, und manchmal sogar einen Kontrapunkt, aber nur zur Phasenverschiebung, und selbst die Phasenverschiebung nutze ich immer weniger.
Lonely Child scheint reine Melodie zu sein.
Es ist reine Melodie, mit Farben obendrein, und die Farben sind kontrapunktisch. Wohingegen es in Boukhara, dem Reinsten, was ich geschrieben habe – 13 Minuten Melodie – nur Farben gibt. Und im allerletzten Stück, Et Je Rêverai Cette Ville Etrange, gibt es nur Melodie. In der Oper verwende ich Harmonie, in Orion verwende ich Spiegelakkorde, solche Dinge, um die Farben zu bekommen, und in Lonely Child verwende ich die Farben. Die reinste Form der Melodie habe ich vielleicht in Et Je Rêverai Cette Ville Etrange erreicht. In Marco Polo gibt es eine ganze Entwicklung mit einem Klang; Intervall, Harmonie, Harmonie plus Farben, Intervall plus Farben, und daraus entsteht das ganze Stück. Und in diesem Stück gibt es eine fluide Melodik und eine Entwicklung hin zur Farbe. Und manchmal sind da sogar Linien, und sogar Richtungen…und Verwandlung der Farben. Zum Beispiel von bloßer Farbe zu rhythmischen Mustern zu Geräusch…
Das bringt uns zurück zu Deiner Vorstellung von zellulärer Entwicklung.
Ja, aber es ist auch eine Prozessentwicklung… Aber nicht im letzten Stück. Es gibt einen Prozess, irgendwie geht die Farbe irgendwohin. Aber gleichzeitig ist da wegen der Melodie eine Stasis, deshalb geht es in Wirklichkeit nirgendwohin!