räsonanz – München 2018
György Ligeti
Eine meiner kompositorischen Intentionen ist die Schaffung eines illusorischen musikalischen Raumes, indem das, was ursprünglich Bewegung und Zeit war, sich als Unbewegliches und Zeitloses darstellt.
Diese Bemerkung aus dem Jahr 1990, die György Ligeti (1923–2006) anlässlich einer seiner späten Klavieretüden machte, ist aufschlussreich für sein ganzes Schaffen. Denn die angesprochene Vorstellung eines imaginären musikalischen Raumes bildet das Fundament seiner Musik. In diesem vor dem Hörer entstehenden musikalischen Raum setzt Ligeti Vorgänge wie die allmähliche Verdichtung eines Klangbandes oder den katastrophalen Absturz in tiefste Klangregionen mit größter Plastizität ins Werk. Ein weiteres wesentliches Element seiner Musik ist das angesprochene Umschlagen von Dynamik in Statik. Häufig kann man in seinen Werken gleichsam das Gerinnen klanglicher Prozesse oder das Gegenteil, das Verflüssigen fester Zustande, verfolgen.
György Ligeti wurde am 28. Mai 1923 in einer Kleinstadt im ungarisch-rumänischen Grenzgebiet in Siebenburgen, etwa 100 km von Cluj (Klausenburg), geboren. Er begeisterte sich gleichermaßen für Musik und für Naturwissenschaften. Das Interesse vor allem für Mathematik und Chemie blieb Ligeti zeitlebens erhalten und von beiden Disziplinen empfing er Anregungen für musikalische Gestaltungsideen.
Als ungarischer Jude erlebte Ligeti in seiner Jugend traumatische Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Sein Vater und ein jüngerer Bruder wurden ins KZ deportiert und 1945 Opfer des Holocausts. Ligeti selbst überlebte mit knapper Not.
1949 konnte er seine 1942 begonnenen, durch den Krieg unterbrochenen musikalischen Studien an der Budapester Musikhochschule abschließen. 1950 übernahm er dort eine Professur. Seine Werke aus jener Zeit, die auf produktive Weise an Bartok anknüpfen, waren von der offiziellen Doktrin des Sozialistischen Realismus denkbar weit entfernt und besaßen, im kommunistischen Ungarn keine Aufführungschance. Während des ungarischen Aufstandes 1956 emigrierte Ligeti in den Westen und kam nun erstmals in Kontakt mit der westlichen Avantgarde. Er nahm an den Darmstädter Ferienkursen um Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez teil, wo er hauptsächlich als brillanter Analytiker und Theoretiker wahrgenommen wurde.
Umso größer war das Aufsehen, das die Uraufführung seiner Orchesterwerke Apparitions (1959) und vor allem Atmosphères (1961) erregte. Diese Werke brachten Ligeti den Durchbruch als Komponist. Im Gegensatz zu den im Wesentlichen punktuellen, in Einzelereignisse zersplitterten Kompositionen der Darmstädter Schule arbeitete Ligeti in diesen Werken mit einem kontinuierlichen Klangstrom, in dem die einzelnen Stimmen untergehen. Auf die Gestaltung des Klanges, auf seine Dichte, sein Volumen, sein Ein- und Aussetzen richtet sich Ligetis kompositorisches Interesse auch in vielen späteren Stücken, in denen er allmählich aber auch wieder mit deutlicher hervortretenden melodischen Elementen arbeitete.
Obwohl Ligeti seit Atmosphères als ein führender Komponist der Neuen Musik galt, musste er sich lange Zeit mit Stipendien, Kompositionsaufträgen und befristeten Dozenturen, unter anderem in Stockholm und an der Stanford University, durchschlagen. 1975 erhielt er schließlich eine Professur an der Hamburger Musikhochschule, wo er bis zu seiner Emeritierung 1989 lehrte. Unfreiwillig wurde seine Musik einem breiten Publikum außerhalb des Konzertsaals bekannt, als der Regisseur Stanley Kubrick 1968 Ausschnitte aus Atmosphères und anderen Werken Ligetis – ohne Wissen und Zustimmung des Komponisten – als Musik in seinem Film 2001: A Space Odyssey verwendete.
In Ligetis Schaffen markiert seine einzige Oper Le Grand Macabre, die 1978 uraufgeführt wurde, eine Zäsur. Nach ihrem Abschluss komponierte der sonst so produktive Ligeti ungefähr fünf Jahre lang so gut wie gar nicht. Das 1982 beendete Trio für Violine, Horn und Klavier leitet dann eine neue Schaffensphase ein. Sie ist geprägt durch ein neues Verhältnis zur Tradition, die die intensive Beschäftigung mit rhythmischen und metrischen Problemen umfasst wie die Erweiterung des Tonmaterials durch das Einbeziehen natürlicher, nicht temperierter Intervalle. In dieser Phase entstand auch die 1985 begonnene Reihe der insgesamt 18 Klavieretüden. Die zum Teil aberwitzig virtuosen Stücke haben bereits jetzt ihren Platz im pianistischen Repertoire gefunden. György Ligeti starb nach langer Krankheit am 12. Juni 2006 in Wien.
Volker Rülke, Berliner Festspiele / Musikfest Berlin
Ligetis Klavier-Etüden
„Das sind meine Klavier-Etüden, das Klavierkonzert und das Violinkonzert. Und ich kann jetzt auch immer weniger mit der gleichschwebenden Temperatur anfangen (…). Es ist die Suche nach alternativen Möglichkeiten, eine neue Musik zu machen, die keine Rückkehr zum 19. Jahrhundert ist, die aber nicht mehr den Normen der Avantgarde entspricht.“
[Aus Ulrich Dibelius: György Ligeti. Eine Monographie in Essays Mainz, 1994]
Was wirklich zählt ist der Genuss des Machens: dass man Vorstellungen hat, und dann diese Vorstellungen materialisiert. Dass etwas, was man im inneren, abstrakten Gehör sich vorgestellt hat, dann real, als musikalische Form erklingt.
Ligeti hatte dieses Bedürfnis, seine Interpreten an ihre Grenzen, sie buchstäblich in Gefahr zu bringen und ihre Anstrengungen zu inszenieren.
Urkunde zur Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises 1993:
„In György Ligeti ehrt die Stiftung einen Komponisten, dessen Stärke in der Zartheit und dessen spontane Überzeugungskraft in der Vielschichtigkeit einer übersensiblen Klangsprache liegen. Jedes seiner Werke fasziniert als ein in sich stimmiges Ganzes mit individuellem Tonfall, auf der Musikbühne, in der Orchester-, Kirchen- und Kammermusik. Ligetis Aggregatzustände des Klanglichen überwanden den Dogmatismus der seriellen Musik, verschafften Kontrapunkt und Harmonik neuen Wert und setzten durch ihre Spiritualität das Gefühl und den Klangsinn wieder in die als „romantisch“ abgewerteten Rechte. Auch wer Ligetis komplizierte Partituren nicht zu überblicken vermag, verspürt auf Anhieb Ehrlichkeit und Können einer Musikergestalt an der Jahrtausendwende.“
Nun ist es so, daß ein Teil dessen, was die Aufführungsweise betrifft – Tonhöhen, rhythmische Konfigurationen, auch Tempo usw. –, genau angegeben werden kann. Und doch gibt es dann etwas, was man nicht genau angeben kann: nicht nur die Dynamik, sondern das, was den Geist der ganzen Sache ausmacht. Und das sind durchaus objektiv feststellbare Merkmale. Es geht um Phrasierung, um das Zusammenhalten einer Form […].
„The Island is full of Noise“. György Ligeti im Gespräch mit Sigrid Wiesmann, in: Österreichische Musikzeitschrift 39 (1984), Nr. 10, S. 510–514, S. 514.
(Paul Sacher Stiftung, Basel, Sammlung György Ligeti)