räsonanz – München 2019

Mark-Anthony Turnage

Mark-Anthony Turnage gehört zu den bedeutenden britischen Komponisten der vergan­genen drei Jahrzehnte. Seine Orchester- und Opernmusik, die von scharfen Kontrasten geprägt ist, hält den Wirklichkeiten des modernen Lebens einen Spiegel vor – mit ihrer Energie und ihren plastischen Titeln, vor allem aber mit der Amalgamierung von Jazz-Elementen in ein zeitgenössisch-klassisches Idiom findet sie breiten Anklang beim Publikum. Zugleich ist seine Klangsprache zum Ausdruck großer Zärtlichkeit und Trauer fähig.

Turnage, Jahrgang 1960, studierte bei Oliver Knussen und John Lambert, später bei Gunther Schuller. Auf Initiative Hans Werner Henzes schrieb er für die Münchener Biennale 1988 seine erste Oper Greek. Wichtige Werke der Folgezeit wie Three Screaming Popes, Kai, Momentum und Drowned Out verdankten sich einer vierjährigen Phase als Composer in Association beim City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle (1989–93).

Mark-Anthony Turnage: Dispelling the Fears (1994–95)
Forget the idea that inspiration will come to you like a flash of lightning. It’s much more about hard graft.
Mark-Anthony Turnage
Mark-Anthony Turnage Dispelling the Fears (1994–95)

If you write something in the evening or at night, look back over it the next morning. I tend to be less self-critical at night; sometimes, I’ve looked back at things I wrote the night before, and realized they were no good at all.

Mark-Anthony Turnage

Drei Jahre später gab das Ensemble Modern Blood on the Floor in Auftrag. Geschrieben für John Scofield, Peter Erskine und Martin Robertson, zeigt sich hier Turnages Vermögen, sich vom charakteristischen Klang bestimmter Künstler inspirieren zu lassen, mit denen er meist eng zusammenarbeitet. Turnages Hauptwerk der späten 1990er Jahre war seine zweite abendfüllende Oper, The Silver Tassie, im Februar 2000 an der English National Opera uraufgeführt. Zum Jahrtausendwechsel wurde Turnage auch erster Associate Composer des BBC Symphony Orchestra.

Im Herbst 2002 dirigierte Sir Simon Rattle Blood on the Floor bei einem seiner ersten Konzerte als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Rattle und die Berliner Philharmoniker erteilten den Kompositionsauftrag für Ceres, einen ‚orchestralen Asteroiden‘ als Ergänzung zu Gustav Holsts Planeten (UA 2006).

Das Trompetenkonzert From the Wreckage wurde für den Solisten Håkan Hardenberger geschrieben, der es nach der Uraufführung in Helsinki auch 2005 bei den Londoner Proms spielte.

Routine is really important. However late you went to bed the night before, or however much you had to drink, get up at the same time each day and get on with it.
Mark-Anthony Turnage
Mark-Anthony Turnage: Dispelling the Fears (1994–95)

Die Zusammenarbeit mit dem London Philharmonic Orchestra während der Spielzeit 2004/05 führte zur Residenz als Komponist des Klangkörpers zwischen 2005 und 2010. Ein Glanzlicht dieser Spanne war Turnages erstes Violinkonzert Mambo, Blues and Tarantella, geschrieben für Christian Tetzlaff und das LPO unter Vladimir Jurowski und uraufgeführt 2008 im Londoner Southbank Centre.

Von 2006–10 war Turnage Mead Composer in Residence des Chicago Symphony Orchestra und schrieb für diese From All Sides und Chicago Remains. Für das New York und das London Philharmonic entstand sein Stück Scherzoid und sein Bratschenkonzert On Opened Ground wurde vom Cleveland Orchestra für Yuri Bashmet angeregt.

2009 schrieb Turnage A Constant Obsession, ein Auftragswerk der Londoner Wigmore Hall für das Nash Ensemble und Mark Padmore, und Five Views of a Mouth für das BBC Scottish Symphony Orchestra und den Flötisten Dietmar Wiesner. Anna Nicole, Turnages dritte Oper auf einen Text von Richard Thomas, erlebte ihre Uraufführung im Frühjahr 2011 an der Londoner Royal Opera.

2011/12 schrieb Turnage die Tanz-Partituren: UNDANCE für Sadler‘s Wells sowie Trespass für das Royal Ballet Covent Garden. Jüngste Solokonzerte entstanden für den Cellisten Paul Watkins, den Pianisten Marc-André Hamelin und den Jazz-Perkussionisten Peter Erskine. Zu Turnages jüngsten Orchesterwerken zählen Frieze, von Vasily Petrenko bei den Proms vorgestellt, und Passchendaele, das des Ausbruchs des II. Weltkrieges gedenkt. Strapless kam 2016 am Royal Ballet Covent Garden in einer Choreografie von Christopher Wheeldon heraus und ist eine Ko-Produktion mit dem Bolschoi-Ballett.

Turnage ist Research Fellow in Composition am Royal College of Music. Bei den Queen‘s Birthday Honours 2015 wurde ihm der Rang eines CBE verliehen.