räsonanz – München 2024

Orquestra Sinfónica do Porto Casa da Música

Die zeitgenössische Musik Portugals hat natürlich nicht erst seit der Nelkenrevolution 1974 und der faschistischen Diktatur Salazars ihre Geschichte. Allerdings musste Emmanuel Nunes, der vielleicht bedeutendste Komponist Portugals im 20. Jahrhundert, sein Kompositionsstudium im europäischen Norden absolvieren und zog aus gutem Grund 1964 nach Paris. Der Frankreich-Aufenthalt war prägend für ihn. Aber in Portugal sollte ein Komponist wie Nunes eine künstlerische Heimat nicht nur bei Institutionen wie der Gulbenkian-Stiftung in Lissabon finden, sondern auch in Porto mit der Casa da Música. Letztere ist ein junges Projekt, das durch die Ernennung Portos zur europäischen Kulturhauptstadt im Jahr 1999 befördert wurde. Ein spektakuläres Zentrum der Musik sollte errichtet werden, etwa nach dem Vorbild der Cité de Musique in Paris, das auch der neuen Musik ein Forum bietet.

2001 wurde das vom Stararchitekten Rem Kohlhaas in Form eines Kristalls oder einer offenen Arche konzipierte Gebäude eröffnet. Es beherbergt nicht nur einen größeren und kleineren Konzertsaal mit idealen akustischen Voraussetzungen und mobilen Raumsituationen – ideal also für die neuen Raumforschungen und -konzeptionen in der avancierten Musik, sondern auch Forschungsräume der elektronischen Musik und Tagungs- und Seminarräume, um den Austausch über das Unterhörte in der Musik zu befördern. Dass dieser Ort des Unerhörten in der europäischen Kulturhauptstadt Porto 2001 errichtet werden konnte, ist nicht nur ein Zeichen des momentanen Kulturereignisses, sondern eine Investition in die Zukunft der Musik.

Den musikalischen Kern bildet aber die Heimstatt dreier musikalischer Formationen. Da ist zum einen das „Orquestra Barroco“, das sich auf die historisch-informierte Aufführungspraxis der alten Musik konzentriert. Zum anderen das 2000 gegründete „Remix“-Ensemble unter der Leitung von Peter Rundel als Spezialisten der neuen Musik und deren spezifischen Spieltechniken. Und nicht zuletzt das „Orquestra Sinfónica do Porto“, das sozusagen die Klammerfunktion hat zwischen der Begründung der europäischen Musik und dem Ausblick in die Zukunft mit der Interpretation der langen Tradition europäischer Kunstmusik. Das Sinfonieorchester der „Casa da Música“ ist allerdings älter als der Ort, in dem es jetzt eine künstlerische Heimat gefunden hat. Eigentlich wurde es bereits 1947 gegründet, damals als Symphonieorchester des Konservatoriums in Porto. Unter verschiedenen Namen wurde das Orchester danach geführt, als es unter anderem die Aufgaben des geschlossenen Rundfunkorchesters übernahm. 2006 wurde es in die „Casa da Música“ integriert und firmiert nun unter der Bezeichnung „Orquestra Sinfónica do Porto“. Die zeitgenössische Musik hat dabei eine große Rolle gespielt, letztlich natürlich auch durch die Aufenthalte von Komponisten unserer Gegenwart in der „Casa da Música“, die eng mit dem Orchester zusammengearbeitet haben. Die Liste liest sich wie das „Who is who“ der zeitgenössischen Musik: allen voran Emmanuel Nunes, gefolgt von Jonathan Harvey, Kaija Saariaho, Magnus Lindberg, Pascal Dusapin, Luca Francesconi, Unsuk Chin, Peter Eötvös, Helmut Lachenmann, Georges Aperghis, Heinz Holliger, Harrison Birtwistle, Georg Friedrich Haas, Jörg Widmann, Philippe Manoury, Rebecca Saunders und Enno Poppe. Im Jahr 2023 ergingen Kompositionsaufträge an so unterschiedliche Komponisten wie Heiner Goebbels, Pedro Amaral, José Maria Sanchez-Verdú, Klaus Ospald und João Caldas. Zahlreiche Gastspiel haben das Orchester ins internationale Ausland geführt. Aber es ist selbstredend als Sinfonieorchester keine Spezialistenformation des Neuen. Das Fundament bildet die große sinfonische Tradition von Beethoven über Mahler und Bruckner, Schostakowitsch und Prokofiev und auch Richard Strauss‘ Operneinakter „Elektra“ stehen auf dem Programm. Das ist kein Spagat, sondern sind Säulen, auf denen das Neue errichtet werden kann. Das Orchester hat zahlreiche Auszeichnungen für seine Aufnahmen erhalten und mit Werken von Luca Francesconi, Unsuk Chin, Georges Aperghis, Harrison Birtwistle, Peter Eötvös und Magnus Lindberg entstanden monografische Alben. Seite 2021 leitet der Dirigent Stefan Blunier das Orchester. Im Konzert der europäischen Orchester, die sich der zeitgenössischen Musik mit gleichem Engagement wie der klassischen sinfonischen Tradition widmen, nimmt das „Orquestra Sinfónica do Porto“ damit eine Spitzenposition ein, die vielleicht noch etwas der europäischen Anerkennung harrt.

von Bernd Künzig