Astrid Ackermann
Kompositionsauftrag an Rebecca Saunders
Deutsche Oper Berlin (DE)
Rebecca Saunders zählt zu den wichtigsten Komponistinnen ihrer Generation und ihre Musik hat eine starke musik-theatrale Qualität: In ihrem Umgang mit der Stimme, in der Arbeit mit dem Raum als kompositorischem Parameter oder auch durch die expressive Kraft ihrer Musik und die gestische, quasi haptische Qualität ihrer Klangsprache. Nach einer ganzen Reihe von installativen und interdisziplinären Arbeiten schreibt sie nun ihr erstes abendfüllendes Musiktheaterwerk für die große Opernbühne der Deutschen Oper Berlin: LASH. Ihr künstlerischer Partner ist hierbei der britische Videokünstler und Autor Ed Atkins. Mit ihm verbindet sie eine inzwischen mehrjährige Zusammenarbeit, unter anderem schrieb Atkins den Text für Saunders‘ Scar (2018/19) und das mit Us Dead Talk Love (2021) betitelte Stück für Alt, Saxofone, E-Gitarre, Schlagzeug und Synthesizer.
Eine Frau befindet sich in einem Schwebezustand in Folge eines Todesfalls. Sie spricht von ihren Fantasien und Erinnerungen an Liebe und Verlust, Sex, Krankheit, Küsse, Augäpfel, Genitalien, Fingerspitzen, Lippen und Wimpern – auf der Suche nach Sinn und Trost, um so den Tod in seiner Sinnlosigkeit aufzuhalten. Durch die unmittelbare Erfahrung ihres eigenen Körpers, ihrer eigenen Sterblichkeit, entdeckt sie den Verlust als Grundvoraussetzung dafür, Welt zu erfahren – und zu lieben.
Ed Atkins formuliert Bilder von enormer Suggestionskraft. Er schreibt über den Körper, über das Fleisch, über die Vergänglichkeit und die Liebe und erschafft dabei Momente von verführerischer Sinnlichkeit und intimer Nähe, die jedoch in einem nächsten Augenblick in den Schwindel angesichts sich öffnender Abgründe übergehen können. In der Oper spaltet sich nun das lyrische Ich in vier Frauenfiguren auf, die sich in einer Art Schwebezustand zwischen Leben und Tod begegnen und bei denen offenbleibt, ob es sich um vier unterschiedliche Individuen oder um vier verschiedene Aspekte einer einzelnen Frauenfigur handelt. In verschiedenen Konstellationen sind sie in Gesprächen miteinander zu erleben. In diesen versuchen sie durch das gegenseitige Befragen die eigene Identität und die eigene Körperlichkeit mitsamt der darin eingeschriebenen und hier erneut ausbrechenden Bruchlinien und Widersprüchen zu erforschen. Sie versuchen, das eigenen Ich zu (re-)konstruieren und leben dabei auch ihre (inneren) Konflikte bühnenwirksam aus – um letztlich zu sich selber zurückzufinden in einem Prozess, von dem offenbleibt, ob es die Retrospektive einer Sterbenden ist oder ein Sich-Neu-Formieren für die Rückkehr ins Leben.
Der Kompositionsauftrag an Rebecca Saunders für das Musiktheater LASH wird von der Ernst von Siemens Musikstiftung ermöglicht.
Weitere Informationen:
deutscheoperberlin.de
Termine
20. & 27. Juni 2025
1., 11. & 18. Juli 2025
Deutsche Oper Berlin