räsonanz – Luzern 2018

Arnold Schönberg

Arnold Schönberg wurde am 13. September 1874 in Wien als Sohn des jüdischen Kaufmanns Samuel Schönberg und seiner Frau Pauline geboren. Schon 1882 erlernte er das Geigenspiel und begann mit Kompositions­versuchen. An die Schulausbildung schloss er 1890 eine Banklehre an und war bis 1895 in der Wiener Privatbank Werner & Co tätig. Als Mitglied des Dilettanten­orchesters Polyhymnia lernte er 1894 seinen zukünftigen Lehrer und Schwager Alexander Zemlinsky kennen. In den folgenden Jahren widmete sich Schönberg vor allem dem Komponieren und der Leitung von Arbeiterchören. 1901 trat er auf Empfehlung von Richard Strauss eine Stelle als Kapell­meister am Berliner Kabarett Überbrettl an und unterrichtete im Jahre 1902 am Sternschen Konservatorium, kehrte aber 1903 nach Wien zurück, wo er sich als Komponist und Kompositionslehrer niederließ.

Zu seinen Schülern, die er an der progressiven Wiener Schwarzwald-Schule unterrichtete, gehörten unter anderen Alban Berg und Anton Webern. Die Erfahrungen der Lehr­tätigkeit verarbeitete Schönberg in seiner Harmonielehre von 1911.

Ab 1907 betätigte er sich neben dem Komponieren als Maler. Er lieferte Beiträge zum Almanach Der blaue Reiter, der von Wassily Kandinski und Franz Marc herausgegeben wurde. Erfolg hatte er auch auf musikalischem Gebiet mit Aufführungen seines Melodramen-Zyklus’ Pierrot lunaire op. 21 (1912) und der Uraufführung der Gurrelieder (1913) in Wien.

Nach Konzertskandalen mit atonalen Werken und vergeblichen Versuchen, eine Hochschul­stelle zu erhalten, ging Schönberg 1913 wieder als Dozent ans Sternsche Konserva­torium in Berlin. 1915 bis 1918 wurde er zum Militär­dienst einberufen. Nach dem Ende des Ersten Welt­kriegs rief Schönberg den Verein für musikalische Privat­aufführungen (1918 bis 1921) ins Leben, der in öffentlichen Proben und Auf­führungen vor allem die zeitgenössische fort­schritt­liche Musik pflegte. 1923 gab er die Methode der „Komposition mit zwölf aufeinander bezogenen Tönen“ offiziell bekannt.

Ab dem Jahre 1925 leitete Schönberg als Nachfolger von Ferruccio Busoni eine Meister­klasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. In dieser Zeit wurde er mit der Ehren­mitglied­schaft der Academia Santa Cecilia in Rom ausgezeichnet. 1932 beendete er die Oper Moses und Aron.

1933, im Jahr der national­sozialis­tischen Macht­übernahme, musste Schönberg seinen leitenden Posten an der Berliner Akademie aufgeben. Er emigrierte im selben Jahr über Paris in die USA und fand eine Stelle als Musik­erzieher am Malkin-Konserva-torium Boston. 1936 bis 1944 hatte er einen Lehrstuhl für Musik an der University of California in Los Angeles inne. Seit 1941 war er ameri­kanischer Staatsbürger. 1947 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Letters gewählt, 1949 ehrte ihn die Stadt Wien mit der Verleihung der Ehren­bürger­rechte. Schönberg starb am 13. Juli 1951 in Los Angeles.

Wie kein anderer Komponist seiner Zeit realisierte Schönberg mit seinem Schaffen radikal den Umbruch zur Neuen Musik. Dennoch verstand er seine Werke der Zweiten Wiener Schule stets als folgerichtige Weiter­führung der abendländischen, insbesondere öster­reichischen Musik­tradition. Als Kompositionslehrer hat er mehrere Genera­tionen bedeutender Musiker und Komponisten geformt. Die von ihm geschaffene Zwölfton­technik wurde seit den 50er Jahren Ausgangs­punkt serieller Kompositionsverfahren.

Weitere Informationen: schoenberg.at

Werkgenese „Analyse der Kammersymphonie“

In einer „Analyse der Kammersymphonie« bezeichnet Arnold Schönberg sein am 25. Juli 1906 in Rottach-Egern am Tegernsee vollendetes Opus 9 als »wirklichen Wendepunkt“ seines Kompositionsstils, „das letzte Werk meiner ersten Periode, das aus nur einem durchgehenden Satz besteht. Sie hat noch eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem ersten Streich­quartett op. 7, das auch die vier Satztypen der Sonatenform kombiniert […]“

Das Formkonzept der Einsätzig­keit mit innerer, latenter Mehrsätzig­keit, das die Momente Sonatensatz und -zyklus verschränkt, studierte Schönberg an Beethovens „Großer Fuge“, Schuberts „Wandererfantasie“ und Liszts h-Moll-Sonate (Werke, die sich auch in der Partitur­sammlung seines Nachlasses finden). Mehrdimen­sionales Formdenken in nahtlos ineinander übergehenden Sätzen (Exposition – Scherzo – Durchführung – Adagio – Reprise), eine Überfülle motivisch-thematischen Materials (Alban Berg streicht in seiner Analyse der Kammersymphonie 19 Themen heraus) und eine komplexe Harmonik (Dur-Moll-tonal, Ganzton- und Quartenharmonik) eröffnen in op. 9 jene Multi­perspek­tivik, die für den Komponisten jenen „Wendepunkt“ in seiner künstlerischen Entwicklung darstellte: die Abwendung vom spät­romantischen Orchester­klang und die sukzessive‚ Emanzi­pation der Dissonanz‘.

Nachdem ich die Komposition der Kammersymphonie beendet hatte, war es nicht nur die Erwartung des Erfolgs, die mich mit Freude erfüllte. Es war etwas anderes und Wichtigeres. Ich glaubte, daß ich jetzt meinen eigenen persönlichen Kompositionsstil gefunden hätte, und erwartete, daß alle Probleme [...] gelöst wären, sodaß ein Weg aus den verwirrenden Problemen gewiesen wäre, in die wir jungen Komponisten durch die harmonischen, formalen, orchestralen und emotionalen Neuerungen Richard Wagners verstrickt waren.
(„Wie man einsam wird“, 1937)

Die ersten Belege zur Kammersymphonie finden sich in Schönbergs Skizzen­buch in zeitlicher Nähe zu einer Orchester­komposition, die Ende 1905 entworfen wurde. Seine Beschäfti­gung mit einem größeren Klang­apparat in dieser Zeit ist evident, wenngleich nicht beweisbar, inwieweit die Konzeption des Werkes mit ihrer spezi­fischen Besetzung bereits mit dem Plan zu einer Symphonie verbunden war. Es darf jedoch – entgegen Anton Weberns Meinung, op. 9 trage den „Charakter eines Kammermusikwerkes“ – spekuliert werden, dass die Werk­intention a priori einem Kondensat symphonischer Form unter Anwendung kammer­musika­lischer Techniken entsprach. Nur wenige Wochen nach op. 9 konzipierte Schönberg den ersten Teil seiner Zweiten Kammer­symphonie, die nach mehreren Unter­brechungen erst 1939 als op. 38 vollendet wurde.

Die Bestimmung des Symphonischen lag für Schönberg in einem „Panorama, wo man zwar auch jedes Bild für sich ansehen könnte, aber in Wirklichkeit diese Bilder fest verbunden [sind] und ineinander über[gehen].“ Die Bild­überlagerung findet auf der musika­lischen Ebene in der Verschränkung formaler Abschnitte eine Entsprechung, deren Gedrängt­heit und Kürze ein bedeutendes fortschritt­liches Moment in einer sympho­nischen Werk­disposition um 1906 darstellte, zumal die klang­dichte Instrumenta­tion eine konstitutive Funktion innerhalb der Komposition erlangt.

Arnold Schönberg op. 9, MS76 Sk153

Die Uraufführung der Ersten Kammer­symphonie durch das renommierte Ensemble der Bläser­vereinigung des Wiener Hofopern­orchesters und das Rosé-Quartett im Großen Musik­vereins­saal am 8. Februar 1907 führte zu einer in dieser Zeit beispiel­losen Anzahl kontro­versieller Besprechungen. Richard Strauss, dem Schönberg das Werk für fünfzehn Solo­instru­mente im Jahr darauf – wie schon vor der Urauf­führung erfolglos – angeboten hatte, antwortete am 27. September 1908, dass es nicht „für die großen Orchester-Konzerte ohne Solisten“ geeignet sei und „unbedingt in einem kleineren Saale gespielt werden müsse“. Das aufführungs­praktische Dilemma versuchte Schönberg durch Bearbeitungen zu lösen, zunächst für ein Konzert des Akademischen Verbands für Literatur und Musik im März 1913, das er selbst dirigierte und für welches er eine orchestral erweiterte Version für Streich­orchester und zehn solistisch gespielte Blas­instrumenten wählte. Die Klang­balance sollte sich aber auch bei dieser Aufführung im Großen Musik­vereins­saal als unausgewogen erweisen, weshalb er sich mit weiteren »Retouchen und Verbesserungen, welche wesentlich zur Verbesserung des Klanges und zur Erzielung von Klarheit beitragen« (Brief an Artur Nikisch vom 31. Jänner 1914), befasste. Einer Subskriptions-Einladung der Konzert­direktion Heller vom Frühjahr 1918 ist zu entnehmen, dass Schönberg in einem Experiment, „das Herausbringen eines so schwierigen Werkes einmal von allem Anfang an verfolgen zu können“, die Kammer­symphonie in „Zehn öffentlichen Proben“ präsentierte. Der Plan einer Drucklegung der Bearbeitung für Orchester im Jahr 1922 scheiterte.

Arnold Schönberg op. 9, MS76 Sk175

Ein Jahr nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten nahm Arnold Schönberg die 1923/24 erschienene Studien­partitur nochmals zur Hand und berichtete seinem Wiener Verleger – der Universal Edition – vom Plan einer weiteren Bearbeitung, welche „die Aufführungs­schwierig­keiten (auf Grund meiner Erfahrungen) auf einen Bruchteil reduzieren [würde], so daß […] die Kammer­symphonie endlich ihren Platz im Konzert­leben einnehmen könnte.“ (Brief vom 28. Oktober 1934) Im Frühjahr 1935 sandte er an seinen Sohn Georg ein Handexemplar von op. 9 und beauftragte ihn mit der Auflage, „unter keinen Umständen irgend­jemandem“ davon zu erzählen, mit der Anfertigung einer Druck­vorlage auf Transparent­papier. Eine geänderte Auf­fassung in der Behandlung des Orchester­satzes im Hinblick auf die Möglich­keiten amerikanischer Orchester (eine Notierungs­weise in C entstand aus ökonomischen Gründen) bewogen ihn jedoch schließlich zur neuer­lichen Bearbeitung als op. 9b. Nach der Erstauf­führung am 27. Dezember 1936, die unter seiner Leitung in Los Angeles stattfand, berichtete er an Anton Webern: „Die klingt jetzt vollkommen klar und plastisch, vielleicht ein bisschen zu laut, was daran liegt, weil ich mich nicht genug vom Original weggetraut habe.“

 

Therese Muxeneder
© Arnold Schönberg Center