räsonanz – München 2018
George Benjamin
Musik ist gewiss die abstrakteste, am wenigsten erdverwurzelte aller Künste. Dieser Tatsache verdankt sie ihre einmalige Kraft und ihr Potenzial. Wer komponiert, wird mit Fragen konfrontiert, die in alle möglichen Bereiche hinein führen: Architektur, Logik, Psychologie, Technik. Komponieren ist zunächst ganz einfach ein Machen, ein Handwerk. Die Kompositionen sind gemachte Objekte, und der Arbeitsprozess ist für das Endergebnis – mehr als viele vermuten – von entscheidender Bedeutung. Nur wenn alle diese Elemente in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen, ist die Musik in der Lage zu „erheben“ und die Seele zu berühren …
George Benjamin (geboren 1960) komponierte bereits im Alter von sieben Jahren. Ab 1976 studierte er Komposition am Pariser Konservatorium bei Olivier Messiaen, danach bei Alexander Goehr am King’s College. Sein erstes Werk für Orchester, Ringed by the Flat Horizon, wurde bei den BBC Proms aufgeführt, als er gerade 20 Jahre alt war.
Benjamin dirigierte die Erstaufführung von Sudden Time 1993 beim Meltdown Festival sowie von Three Inventions for Chamber Orchestra 1995 bei den Salzburger Festspielen. Mit der Uraufführung von Palimpsests eröffnete das LSO unter der Leitung von Pierre Boulez 2002 seinen saisonumspannenden Rückblick auf Benjamins Gesamtwerk, By George. Bei diesem Projekt wurde durch Pierre-Laurent Aimard erstmals auch Shadowlines aufgeführt. Into the Little Hill, eine Kammeroper zu einem Libretto von Martin Crimp, kam 2006 beim Festival d’Automne in Paris zur Uraufführung. Eine zweite Zusammenarbeit mit Crimp, Written on Skin, wurde vom Festival d‘Aix-en-Provence in Auftrag gegeben und feierte dort im Juli 2012 seine Premiere. Seitdem wurde die Oper in mehr als zwanzig Opernhäusern weltweit aufgeführt. Die Uraufführung von Benjamin und Crimps jüngster Zusammenarbeit, Lessons in Love and Violence, findet voraussichtlich 2018 am Londoner Royal Opera House statt.
Jedes einzelne von Benjamins Orchesterwerken… ist ein wunderbar gestaltetes Meisterwerk, oft das Ergebnis jahrelanger Planung und Vorarbeit.
Als Dirigent beherrscht George Benjamin ein breites Repertoire und dirigierte bereits zahlreiche Uraufführungen, darunter Werke von Rihm, Chin, Grisey und Ligeti. Er arbeitet regelmäßig mit weltweit führenden Orchestern wie dem Mahler Chamber Orchestra, der London Sinfonietta und dem Ensemble Modern zusammen; eine besonders enge Beziehung verbindet ihn mit dem Concertgebouw-Orchester.
George Benjamin wurde 2017 zum Ritter geschlagen und 2015 Commandeur dans l’ordre des Arts et des Lettres. Er lehrt seit 2001 als Henry Purcell Professor für Komposition am King‘s College, London. George Benjamin ist seit 2000 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
… einer der größten Musiker unserer Zeit!
Es geht mir nicht um eine kopflastige Klarheit, meine Musik ist nicht abgehoben. Sie klingt zwar zuweilen sehr dunkel, aber ich möchte, dass auch da jederzeit die Struktur zu hören ist. Das ist schliesslich mein Job als Komponist. Selbst wenn ich komplex arbeite und wie in den Palimpsests acht, neun Schichten übereinander lege, soll keine Bouillabaisse entstehen, sondern Klarheit. Das gibt der Musik ihre Energie; die Harmonien und Polyphonien werden so deutlich.
Pierre-Laurent Aimard über Goerge Benjamins Shadowlines
„George, mit dem ich seit unserer Jugend befreundet bin, hatte sich zurückgezogen um sein Orchesterwerk Palimpsests zu komponieren, als er mich plötzlich anrief und mir ankündigte, er würde mir ein neues Klavierwerk zuschicken. Das war eine große Überraschung, hatte er doch seit Jahren nicht mehr für Klavier komponiert. Seine Arbeit an Palimpsests war zwischenzeitlich ins Stocken geraten und erst durch das Entwickeln und Ausarbeiten von Shadowlines konnte er den Kompositionsprozess wieder in Gang setzen.
Das Zusammenwirken des bezaubernden klanglichen Charmes, den Georges Musik schon immer innehatte, und der polyphonen Strenge seines Spätstils wird zur Aussage des Stückes, der gegenseitigen Durchdringung zweier gegensätzlicher, beinahe widersprüchlicher musikalischer Formen: Prélude und Canon.“
…einer der herausragenden Komponisten seiner Generation