Ernst von Siemens Musikpreis 2023
George Benjamin
Laudatio
Laudatio auf Sir George Benjamin
von Johan Hyman
Sehr geehrte Damen und Herren,
George und ich sind seit fünfzig Jahren befreundet, und die Musik ist natürlich ein fester Bestandteil unserer Freundschaft. Aber ich bin in keinster Weise ein Musiker. Irgendjemand bei der Ernst von Siemens Musikstiftung – möglicherweise jemand mit Sinn für Humor – hat beschlossen, dass dies kein Hinderungsgrund ist, die Laudatio bei dieser großartigen Veranstaltung zu halten. Vielleicht dachten sie, dass George irgendwo abseits des grellen Rampenlichts versehentlich einen geheimen Schlüssel oder einen Hinweis auf den mysteriösen Prozess des Komponierens preisgegeben haben könnte, einen Einblick in seinen kreativen Prozess, der verrät, wie die Magie geschieht.
Nun, wenn das der Grund ist, warum ich eingeladen wurde, freue ich mich, sagen zu können, dass ich dem nachkommen kann.
In den letzten Jahren habe ich George nicht nur zum Abendessen, zum Film oder gelegentlich zum Konzertbesuch getroffen, sondern auch auf dem Kinderspielplatz, auf den ich mit meinem vierjährigen Sohn David am Wochenende gehe. George und Michael wohnen fünf Minuten zu Fuß entfernt und begleiten uns manchmal. Hier wurde das Geheimnis gelüftet. Unter den vielen wunderbaren Rutschen, Schaukeln und Klettergerüsten gibt es drei robuste Musikinstrumente aus Edelstahl, die fest im Boden verankert sind: Röhrenglocken, die an einem Gestell hängen, eine Metalltrommel und ein Glockenspiel. „Mein Sohn David hatte eine Party mit dem Glockenspiel.“ In der englischen Idiomatik bedeutet „having a bash at something“, etwas auszuprobieren, aber ich verwende den Ausdruck bewusst wörtlich.
Ich war begeistert, als ich erfuhr, dass George den 50. Ernst von Siemens Musikpreis erhalten sollte, aber es war keine Überraschung. Die Stiftung kann mit dieser Entscheidung wohl keine Debatte ausgelöst haben. Denn Georges Beitrag zur Musik – als Komponist, Dirigent, Interpret, Lehrer und Sprecher – ist heute in Großbritannien und wahrscheinlich auch in Europa beispiellos.
Natürlich hat dies vielerlei Gründe. Sie fußen in Georges kompromissloser Hingabe an sein Handwerk; in seiner unumstößlichen Überzeugung, dass die Schönheit der Musik die menschliche Erfahrung auf einzigartige Weise verändern kann; in seiner Fähigkeit, seine Gedanken und Gefühle über Musik mit völliger Aufrichtigkeit und Präzision zu artikulieren; in seiner beunruhigenden Mischung aus Sanftmut und Perfektionismus; in seiner leidenschaftlichen Sensibilität; in seiner Integrität; und in der Tatsache, dass er – wie ein gemeinsamer Freund es ausdrückte – ein riesiges Paar Ohren hat.
Georges Lehrer, der große französische Komponist Olivier Messiaen, erklärte diese wichtige Tatsache über Georges Ohren eher prosaisch. Als er George – der damals sechzehn Jahre alt war – kennenlernte und die Musik, die George bereits komponiert hatte, untersuchte, sah er, wie er es später ausdrückte, dass „in allem, was er schrieb, die Harmonien gehört wurden, die Texturen gehört wurden, es gab keine Fehler, er hörte alles. Ich dachte sofort, dass er wie der junge Mozart war; der junge Mozart hörte alles“.
Im Alter von sechzehn Jahren wie der junge Mozart zu sein, kann eher Fluch als Segen sein, und es bedarf einiger der anderen von mir erwähnten Qualitäten – vielleicht vor allem der Integrität –, um sicherzustellen, dass es nicht so weit kam. Es braucht auch weise Eltern und Lehrer, und George hatte das Glück, sie zu haben.
Nun möchte ich ein paar Worte über einige der von mir erwähnten Eigenschaften sagen – einige, aber nicht alle.
Die Schönheit der Musik und ihre magische Wirkung auf unser Empfinden war für George immer ein Axiom. Hier spricht er vor ein paar Jahren über ein Konzert, das er fünfzig Jahre zuvor, in den 1960er Jahren, besucht hatte. Dies sind Georges Worte:
„Mein allererstes Orchesterkonzert beinhaltete Debussys L‘après-midi d‘un faune, das nach wie vor eines meiner Lieblingsstücke ist, die je geschrieben wurden, und ich kann mich sehr genau an den Moment erinnern, in dem dieses außergewöhnliche, üppige, schöne, zutiefst poetische Stück beginnt. Ich kann mich daran erinnern, wie sich die Temperatur und die Atmosphäre in dem relativ neuen Festspielhaus veränderten, als hätte jemand die Heizung um zwei Grad aufgedreht. Das ist eines der magischen Dinge an der Musik. Sie verändert mehr als nur die Atmosphäre, sie kann die Wahrnehmung der eigenen Existenz verändern, sie kann die Art und Weise verändern, wie man empfindet und fühlt, während man ihr zuhört.“
Mir gefällt diese Bemerkung, weil George die Musik als das feiert, was sie ist. Wenn Dichter und Philosophen – ich fürchte, ich habe vor allem die deutschen Philosophen vor Augen – versuchten, die Macht der Musik zu erklären, taten sie dies in der Regel, indem sie die Musik in etwas anderes verwandelten: Offenbarung, Metaphysik, eine Andeutung von Transzendenz, die Verkörperung des Willens.
Immer etwas, das obskurer und weniger schön und ergreifend ist als Musik. Beethoven beschrieb die Musik einmal als „den einen unkörperlichen Eingang in die höhere Welt der Erkenntnis“. Aber diese Art, über Musik zu denken, ist – wie soll ich es sagen – ein Irrtum. Wie ein kluger Philosoph feststellte, „ist es viel sinnvoller, sich die Seligkeit der Heiligen als eine Art verlängerte musikalische Ekstase vorzustellen, als sich den Genuss der Musik als einen Vorgeschmack auf die Seligkeit der Heiligen vorzustellen“.
Ich glaube nicht, dass George jemals versucht war, die Musik auf diese Weise zu intellektualisieren. Seine Hingabe an die Musik galt immer der Musik als Musik, nicht der Musik als Idee, der Musik als Transzendenz oder der Musik als etwas anderem.
Und das bringt mich zu Georges Hingabe an sein Handwerk. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube, George geht an jede Komposition ohne Vorurteile und ohne Regeln heran, ohne ein festgelegtes Idiom oder eine Methode. Jedem Stück wohnt eine neue Klangwelt inne, frisch geschaffen, mit einer eigenen Atmosphäre, eigenen Farben, eigenen Gesetzen.
Das erfordert einen immensen Aufwand an Vorarbeit, weit mehr als der Hörer hört oder sich vorstellt. Sie wird mit Stiften und Buntstiften, in Notiz- und Skizzenbüchern minutiös und ziemlich schön dokumentiert, ein erschöpfender Prozess, der es der Musik in jedem Stück erlaubt, sich mit der Unvermeidlichkeit eines Uhrwerks und der Freiheit und Unvorhersehbarkeit des Windes zu entfalten, und zwar mit völliger Integrität, so dass nichts unwesentlich, aufschneiderisch oder bloße Geste ist.
Abschließend möchte ich noch etwas zu den Opern sagen.
George war bereits ein glänzender Orchesterkomponist, als er sich der Oper zuwandte – At First Light wurde komponiert, als er kaum die Universität verlassen hatte – und er hatte bereits eine besondere Gabe für Melodien und für die Stimme. Aber die unvergesslichen Stimmen in A Mind of Winter, Upon Silence und Sometime Voices stehen allein da, und sie führen Selbstgespräche in einer durchgehenden Stimmung und einer einzigen, magischen Perspektive auf die Welt. Die wunderschöne melismatische Stimme in Upon Silence, die ich besonders liebe, ist bewusst von der Welt der Aktivität und des Konflikts distanziert und singt über diese Distanz.
Mitte der 1990er Jahre sagte George, dass er gerne eine Oper schreiben würde, fügte aber bedauernd hinzu, dass er vielleicht nicht für eine Zusammenarbeit geeignet sei. Zehn Jahre später traf er Martin Crimp, und die Opern folgten – die Texte bewusst lakonisch und distanziert, die Musik hinreißend, poetisch und tiefgründig. Opernhäuser waren schon immer dazu da, Liebe und Gewalt zu inszenieren, aber diese Opern zeigen sie in einer so rohen Schönheit und Intensität, dass es scheint, als würden wir sie zum ersten Mal sehen.
Eine Laudatio ist eine ungewöhnliche Art von Rede – eine Grabrede auf einen Lebenden, bei der der Betreffende im Raum anwesend ist. Die einzigen Reden dieser Art, die ich je gehört habe, waren bei der Encaenia – der Zeremonie, bei der die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde verleiht. Und diese Laudationes hatten den großen Vorteil, dass sie in Latein gehalten wurden, was allen Beteiligten Peinlichkeiten erspart. Es ist auch gar nicht so unheimlich wichtig, was in der Rede steht, denn einen lateinischen Satz zu konstruieren, der „Beitrag zur Festkörperchemie“ oder „eindringliches Stück für Glasharmonika und Viola da Gamba“ bedeutet, ist an sich schon eine bemerkenswerte Leistung.
Dennoch bin ich sehr dankbar für diese Gelegenheit, meine Zuneigung und Bewunderung für meinen begnadeten Freund zum Ausdruck zu bringen und ihm zur Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises zu gratulieren.