Ernst von Siemens Musikpreis 2024
Unsuk Chin
Laudatio
Laudatio auf Unsuk Chin
von Louwrens Langevoort
Sehr verehrte Familie von Siemens, sehr geehrte Damen und Herren von Kuratorium, Stiftungsrat, Geschäftsstelle und Team der Ernst von Siemens Musikstiftung, liebe Unsuk und sehr verehrte Damen und Herren. Eine Laudation für Unsuk.
Tell me who I am
Am Anfang war das Märchen. Ihren Durchbruch als Komponistin machte Unsuk Chin mit Akrostichon-Wortspiel. Basis waren Michael Endes Märchen Die unendliche Geschichte und Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln. Das Mädchen Alice blieb im Zentrum von Chins Inspiration: die Oper Alice in Wonderland wurde 2007 in München uraufgeführt.
Das Märchen, die geträumte Welt, die Verdrängung der Realität – bildet sich Unsuk Chins Universum darum herum?
Alice in Wonderland erzählt uns die Geschichte vom jungen Mädchen Alice, das eines Tages ein sprechendes weißes Kaninchen sieht, das auf eine Uhr starrt und meint, es komme zu spät. Das Mädchen folgt ihm, fällt plötzlich tief in einen Tunnel und endet in einer völligen Fantasiewelt, bevölkert von sprechenden Tieren und Menschen, die die Erwachsenenwelt parodieren. Der Klassiker für jede altmodische Erziehung.
Verschiedene Sätze aus dem Libretto – das verfasst wurde von David Henry Hwang und Unsuk Chin – führen zu den diversen Aspekten, die das Schaffen von Unsuk Chin geprägt haben. Herkunft, Träume, Klänge, Theater und Nonsense …
Tell me who I am
Geboren in Seoul, aufgewachsen mit Musik, schon ganz früh in der Kirche vom Vater an der Orgel und am Klavier unterrichtet. Musik als Zentrum für ein aufwachsendes Mädchen. Sie träumt davon, Klaviervirtuosin zu werden, aber sieht ein, diesen Weg nicht beschreiten zu können. Ein Lehrer rät ihr zu komponieren. Erst zwölf Jahre alt schreibt sie ihre ersten Stücke und sammelt autodidaktisch Kompositionserfahrung.
Sie macht dreimal die Aufnahmeprüfung zum Kompositionsstudium an der Universität in Seoul und beim dritten Mal wird sie angenommen, um in kürzester Zeit die Vorzeigestudentin zu werden. Jahre später beantwortet sie in einem Interview die Frage, was man heutzutage Studierenden mitgeben kann, die Komponist oder Komponistin werden wollen, mit den Worten: „Vom Komponieren allein kann man ja nicht leben, aber wenn man nichts anderes machen kann, machst du das halt …“.
Unsuk Chin lernt am meisten bei den verstorbenen Tondichtern Bartók, Strawinsky, Debussy, Webern. In Korea erhält sie Unterricht bei Sukhi Kang. In Hamburg studiert sie viele Jahre in der Klasse von Ligeti. Sie kennt sich aus in der Alten Musik und den Techniken, die dort verwendet und gelehrt wurden. Ob es Einflüsse aus Korea oder der balinesischen Gamelanmusik sind – alles wird haargenau studiert und kommt auf besondere Weise wieder in den Kompositionen vor. In Berlin setzt sie sich ausführlich mit Elektronischer Musik auseinander und verbringt viele Stunden im Studio. Daher ist ihr die Genese von jedem Klang bekannt – sie schafft sich ihre Welt.
Tell me a story
Komponieren ist ein Beruf, in dem die Einsamkeit zuschlagen kann. Man arbeitet allein, man kämpft mit der Materie. Woher kommt diese Inspiration? „Meine Musik ist das Abbild meiner Träume. Die Visionen von immensem Licht und von unwahrscheinlicher Farbenpracht, die ich in allen meinen Träumen erblicke, versuche ich in meiner Musik darzustellen als ein Spiel von Licht und Farben, die durch den Raum fließen und gleichzeitig eine plastische Klangstruktur bilden, deren Schönheit sehr abstrakt und auch distanziert ist, aber gerade dadurch unmittelbar die Gefühle anspricht und Freude und Wärme vermittelt.“
Für Unsuk Chin ist jede Komposition ein langes Ringen. Sie komponiert nicht am Klavier, macht lange Vorarbeiten, ihre ersten Skizzen haben Ähnlichkeit mit großen, quasi abstrakten Malereien, farbenreich, auf Notenpapier. Die Skizzen sind von umwerfender Schönheit. Bei einer Ausstellung über ihr Schaffen beim Kölner Acht Brücken Festival 2017 kam einer der Mäzene auf den Gedanken, dass man gerade mit diesen Skizzen eine neue Art von Kunsthandel betreiben könnte. Er konnte sich aber nicht durchsetzen.
„Danach setze ich mich hin und fange bei der ersten Note an. Ich schreibe chronologisch, ich kann nicht anders. Es ist für mich nicht möglich schon andere Teile vorzufertigen, da für mich die Entwicklung nur in der richtigen Reihenfolge sein kann.“
Take care of the sense and the sounds will take care of themselves
Unsuk Chins Kompositionskatalog ist umfangreich, verteilt über alle Genres der Musik. Von den früheren Werken gibt die Komponistin wenig an die Öffentlichkeit. Sie betrachtet diese als Lehrjahre und hat die Werke zurückgezogen. Damit werden Die Troerinnen für drei Frauenstimmen, Frauenchor und Orchester aus 1986 das erste offizielle Werk, gefolgt von Gradus ad Infinitum für vierkanaliges Tonband aus 1989, die beide noch vor dem Durchbruch mit Akrostichon-Wortspiel veröffentlicht wurden.
In den Jahren vor 2000 entwickelt sie langsam die Tonsprache. Was kann man darunter verstehen? Unsuk Chin zeichnet sich aus durch eine Vielseitigkeit, eine große Vielseitigkeit, ein ständiges Weiterentwickeln in Farben, aber auch in Komplexität. In den 1990-er Jahren entstanden Sechs Etüden für Klavier, sie geben quasi „in a nutshell“ diese Entwicklung wieder. Die relativ kurzen Werke gehören inzwischen zu den Höhepunkten eines pianistischen Repertoires, an dem keine Solistin und kein Solist vorbeikommt. Nach den Etüden folgte ein Klavierkonzert. Sie schreibt insgesamt sechs Solokonzerte für Klavier, Violine, Violoncello, Klarinette und Sheng und ein Doppelkonzert, was wir gleich hören werden.
Unsuk Chins Sprache vertieft sich weiter in allen Orchestrierungen in späteren Kompositionen. Die verschiedenen Orchesterinstrumente geben mit ihren Farben dem Werk ein prägendes Relief, sie zwingen einen, zuzuhören und sie drängen dem Publikum ihre Schönheit quasi auf. Die Zuhörenden haben es nicht immer leicht, weil sich in der Partitur vieles bewegt und entwickelt – man erlebt beim Hören von Unsuk Chin jedes Mal Neues, da man immer wieder neue Aspekte einer Komposition entdeckt und genießt.
Von Solostücken über Ensemblewerke entwickelt sie ihre Kompositionstechnik bis zu den großen Orchesterwerken weiter, in denen sie die absolute Meisterin der Klangfarben wird. Ihre Sprache ist weder in einer Stil-Schublade noch in einer örtlichen Regionalität unterzubringen. Charakteristiken: die nie zur Ruhe kommenden hohen Streicher, gezupfte Klänge, hohe ruhelose Bläser, hohe metallische Einsätze der Glocken, die Tiefen des Schlagwerks und eine nicht aufzuhaltende Energie, die aus den schnell abwechselnden Figuren der verschiedenen Orchestergruppen auftaucht. Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit hat längst einem eigenen Stil Platz gemacht, der sich aus der Musikfreude, aus dem globalen Jetzt bedient. Die Musik von Unsuk Chin kommt einem manchmal wie eine Ozeanwelle entgegen, die einen aber nicht ertrinken lässt. Die Zuhörenden kommen energiegeladen und geläutert aus dieser Erfahrung und verlangen sofort mehr. Ihre Musik macht süchtig.
Everything has a moral if you can find it
Und noch immer ist Platz fürs Märchen: Ihr Hauptwerk ist zweifelsohne die 2007 uraufgeführte Oper Alice in Wonderland nach Lewis Carroll. Mit ihrer Liebe zum Theater und zu der Skurrilität der Welt kann sie hier aus dem Vollen schöpfen. Lewis Carroll hat hier sehr bewusst mit der Realität gebrochen, eine Erzählung geliefert, die Menschen und Tiere verknüpft und in der die eigene Normalwelt heftiger Kritik ausgesetzt wird. Wenn man von Maurice Ravels Opernmärchen L’enfant et les sortilèges auf einem Libretto von Colette noch meinen kann, dass die Hauptperson mit Liebe beschrieben wird, ist es im Falle von Alice schon ungeschönter. Tiere befragen die Protagonistin und meinen es auch nicht immer gut, die menschlichen Wesen in Wonderland sind fast ausnahmslos bitterböse. Unsuk Chin hat zusammen mit dem Schriftsteller David Henry Hwang selbst das Libretto: Sie entscheiden sich für eine wenig übliche Theaterform, die Erzählung von Lewis Carroll ist zwar anwesend, die Theaterform sehr frei verfasst.
Unsuk Chin schrieb hierzu eine geniale Musik, in der sie sich von Gesang, Sprechgesang und Sprechen kongenial durcheinander bedient – das große Orchester ist anwesend, manchmal drohend in Stärke und Aggressivität, manchmal wie im barocken Theater nur vertreten durch einzelne Instrumente, die sich lyrisch mit der Alice-Sängerin musikalisch vermählen. Die Oper ist musikalisch berührend, gleichzeitig erschreckend z.B. durch die menschliche Grausamkeit der Hofgesellschaft. Komische Elemente wie die Teaparty lässt das Publikum wieder träumen von den LSD-Trips der 1960-er Jahre – eine Konnotation, von der Lewis Carroll wahrscheinlich nicht im Geringsten geträumt hat.
Aber nicht nur auf der Bühne ist Unsuk Chin dem Theater verfallen. Verschiedene ihrer Werke zeigen, wie sehr das Theater des Alltags sie fesselt, fasziniert und ihr Inspiration bietet. Wie sie selbst über die Begegnungen schreibt, die sie in China hatte, als plötzlich wie aus dem Nichts eine Straßentheatertruppe vor ihr stand und im öffentlichen Raum eine Vorstellung gab. Das hat sie erinnert an ihre eigene Jugend in Seoul, wo gleichartige Truppen ihre Aufführungen gaben. Das Werk Gougalon – fünf Sätze nebst einem Prolog – 2011 entstanden, braucht keine Bühne, weil die Musik bereits alle Mittel gibt, um sich die Situation lebhaft vorstellen zu können. Ihre neue Oper beschäftigt sich weiter mit diesem Thema, wie ich gehört habe, selbstverständlich sind wir voller Neugierde auf deren Vollendung nächstes Jahr.
Auch verlangt Unsuk Chin manchmal von den Musikerinnen und Musikern performative Qualitäten. Zum Beispiel in Allegro ma non troppo für Schlagzeuger und Tonband wurden zuerst viele Klänge aufgenommen, Seidenpapier, Uhren, Wassertropfen – diese Sounds durchliefen viele Transformationen und Overdubs. In der Aufführung verschmelzen Schlagwerker und das Tonband zu einem Instrument. Der Spielende tritt in Dialog mit dem virtuellen Schlagzeug, wobei keineswegs nur auf Standardinstrumenten gespielt wird, sondern auf Alltagsgegenständen … Musiktheater ohne Worte auf einem Quadratmeter.
Nonsense and Prevarication: there is certainly meaning both in and out of it
Ihre Fantasie kennt keine Grenzen und wird – wie bereits gesagt – von Träumen und Märchen inspiriert. Zentral in Unsuk Chins Fantasie steht die menschliche Stimme. Sie ist in vielen Werken vertreten, mit Ensemble, mit Orchester und natürlich in der Oper. Für Unsuk Chin gilt es, wie sie selbst sagt, „… nicht Gedichte in Musik setzen, konkrete Inhalte oder Gefühle transportieren. Musik und Literatur sind stark eigengesetzliche Sprachen, die sich in ihrer Verbindung nicht selten gegenseitig im Wege stehen.“ Dafür wird Text transformiert, aufgefächert und in eine Richtung von Humor und Ironie gezogen. Ein Meisterwerk dieser Transformationen ist in Cantatrix Sopranica zu finden. Von den acht Sätzen entwickelt die Komponistin selbst die Hälfte der Texte, für die anderen vier Teile werden Materialien anderer bearbeitet und verfremdet.
Cantatrix Sopranica ist eine Reflexion über das Singen selbst, die spezifischen Befindlichkeiten von Sängerinnen und Sängern, ihren Tricks und ihren Ticks bis hin zur Selbstdarstellung. Es wird teilweise zu größtem Nonsense, die Erzählung findet in der Fantasie des Publikums statt. Ist es eine Ausflucht aus der Realität …? Oder eine Verlängerung des Märchens, das Märchenhafte?
Be what you would seem to be
Die Auseinandersetzung mit der Materie, das einsame Arbeiten mit Skizzen und Partiturseiten kommt auch zu einem Ende und das Stück ist fertig, die Noten werden ausgeteilt und die Musik kann einstudiert werden. Wie wird man reagieren? Werden die Ausführenden sie mögen, werden sie verstehen was da steht? Ziemlich sicher ja. Denn sie selbst sagt, dass ihre Musik Spiegelbild ihrer Träume sei. Schon als Kind hatte sie „sehr oft sehr lebendige Träume“, „mit viel Licht und Farbe, vom Weltraum, Kosmos oder von explodierenden Sternen“, wie sie selbst sagt. Und diese Farbe und Vision transportiert sie in ihre Kompositionen. Die Träume führen mich zurück zum Anfang und der Geschichte von Alice in Wonderland.
Ich möchte mit einem Zitat schließen, das nicht nur für Unsuk Chins Musik und unser Hören von dieser gilt, sondern sicherlich auch für unser Handeln in der Gegenwart: Alice: „Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?“ – „Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Katze.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Unsuk!